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20.04.2016

Bewegung in die Pflege bringen

 

Bewegung bestimmt unseren Alltag: Wir ziehen uns an, essen, laufen. Selbst unsere Atmung und unser Kreislauf sind mit Bewegung verbunden. Das Bewegungsrepertoire eines Menschen trägt entscheidend zu seiner Lebensqualität bei. Kinästhetik bietet ein Konzept, das die eigene Bewegungswahrnehmung schult, und kann in der Pflege gewinnbringend sowohl für den Patienten als auch den Pflegenden eingesetzt werden.


Eine der Grundlagen unseres Lebens ist Bewegung. Sie spielt im Alltag jedes Menschen eine wesentliche Rolle. Üblicherweise verstehen wir unter Bewegung Sport zu treiben oder zu laufen, aber tatsächlich bewegen wir uns nahezu ständig. Wir liegen, sitzen, stehen und gehen, sprechen, essen und schlucken. Spannung und Entspannung von Muskelfasern dominieren letztlich sämtliche Funktionen unseres Körpers.

Mangelnde Bewegung bzw. Beweglichkeit kann schwere gesundheitliche Folgen haben. Die Sensibilisierung für die Wahrnehmung des eigenen Körpers und seiner fortwährenden Bewegung kann demnach für jeden Menschen einen nachhaltigen Beitrag zur Gesundheitsförderung leisten. Je besser wir in der Lage sind, unsere Bewegungsfähigkeiten zu erweitern und sie unserer Umwelt anzupassen, desto förderlicher ist dies für unsere gesundheitliche Entwicklung.

Bewegung im professionellen Pflegealltag

Die Erkenntnis, dass Bewegung einen wesentlichen Beitrag zu unserer Gesundheit leistet, hat wesentliche Auswirkungen auf die professionelle Pflege von Menschen, denen es nicht möglich ist, sich selbst zu bewegen. Pflegende müssen die Betroffenen in den Aktivitäten ihres täglichen Lebens unterstützen. Tatsächlich beinhalten pflegerische Maßnahmen zu einem großen Teil Bewegungsunterstützung – Hilfe beim Essen und Trinken, beim Toilettengang und beim allgemeinen Bewegen und Fortbewegen. Pflegende helfen ihren Patienten gesünder zu werden und versuchen deren Lebensqualität zu erhöhen.

Maßgebend für die Bewegungsunterstützung ist deren Qualität. Unterstützende Bewegung sollte sowohl für den Patienten als auch den Pflegenden keine Gesundheitsbeeinträchtigung nach sich ziehen.

Körperdialogisches Konzept der Kinästhetik

Eines der bekanntesten Konzepte, das sich mit der Bewegungskompetenz als eine zentrale Grundlage des menschlichen Lebens auseinandersetzt, ist die Kinästhetik. Die Grundidee dieser Bewegungslehre beruht auf Forschungsergebnissen der Verhaltenskybernetik, der Feldenkrais-Methode sowie Elementen des modernen Tanzes. Entworfen wurde das Konzept in den 80er Jahren des 20. Jahrhundert vom amerikanischen Veraltenskybernetiker Dr. Frank Hatch und der Entwicklungspsychologin Dr. Lenny Maietta. Seither wurde es kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert.

Der Begriff Kinästhetik selbst kann laut Heidi Bauder-Mißbach, Krankenschwester, Autorin und seit 1990 Kinästhetik-Trainerin, frei als „Bewegungsempfindung“ oder „Bewegung in Harmonie“ übersetzt werden. Als Handlungskonzept analysiert Kinästhetik unterschiedliche Elemente der Bewegung. In der praktischen Anwendung gehen diese fließend ineinander über. Mit dem Ziel, bewusst mit dem eigenem Körper umzugehen und Bewegungen mit weniger Kraftaufwand auszuüben, liefert die Kinästhetik eine Methodik für die körperdialogische Arbeit mit Menschen jeden Lebensalters. Für die Pflege immobiler Menschen stellt Kinästhetik ein ganzheitliches Bewegungskonzept dar, das deren Mobilisation gesundheitsfördernd für den Patienten selbst, aber auch rückenschonend für den Pflegenden ermöglicht.

Die sechs Konzepte der Kinästetik

Ausgangspunkt des kinästhetischen Handungskonzeptes ist die Tatsache, dass Bewegung in der Regel die Folge einer Gewichtsverlagerung ist, die in einer bestimmten Körperregion Entlastung schaffen soll. So suchen wir z. B. nach einem anstrengenden Arbeitstag in einer überfüllten Bahn eine Stelle zum Anlehnen. Unser Körper signalisiert uns, dass er seinen Schwerpunkt verlagern möchte. Wir streben danach, unser Gewicht an eine Unterstützungsfläche abzugeben, um einzelnen übermüdeten Körper-teilen Ruhe zu verschaffen.


Auch beim Gehen verlagern wir unseren Schwerpunkt von einem Bein auf das andere und wieder zurück. Ein alter Mann hingegen verlagert sein Gewicht beim Gehen teilweise auf einen Stock und gibt somit einen Teil seines Schwerpunktes für den Moment des Schrittes ab. Bei einem komplexen Transfer eines immobilen Menschen, etwa dem „Hochziehen im Bett“, findet eine fortwährende Be- und Entlastung einzelner Körperteile des Bewegungsapparates statt. Laienhaft nehmen wir das als „Schaukelbewegung“ wahr. Tatsächlich steckt dahinter jedoch die Kunst, die Bewegung sowohl entsprechend den Fähigkeiten des Betroffenen als auch der eigenen Kräfte gemäß der sechs kinästhetischen Prinzipien einzuleiten. Sie stellen die Aspekte der Bewegung dar und ermöglichen, die Mobilisation von Patienten aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, um die passenden Bewegungsschritte für eine spezifische Situation zu entwickeln.

Das Konzept der menschlichen Interaktion

Das Konzept der Interaktion beschreibt die wechselseitige Wirkung von Menschen aufeinander, sei es durch direkte oder indirekte Kommunikation. In der Pflege wird mit Hilfe dieses Konzeptes der kommunikative Austausch zwischen den jeweiligen Bewegungspartnern betrachtet. Grundsätzlich beinhaltet Interaktion im Sinne der Kinästhetik drei Aspekte: Erstens unsere fünf Sinne, um Reize zu erfassen. Zweitens die Bewegungselemente bestehend aus Zeit, Raum und Anstrengung. Drittens die Form der Interaktion, in der die Aktion und die Reaktion mit oder ohne zeitliche Verzögerung stattfinden.

Die effiziente Nutzung der Sinne des pflegebedürftigen Patienten ermöglicht es dem Pflegenden, ihn besser auf die bevorstehende Bewegung vorzubereiten und ihn anzuleiten. Auch Zeit, Raum und Anstrengung sollten optimal genutzt und kombiniert werden. Mehr Raum zu beanspruchen, um in Ruhe aufstehen zu können, kann z. B. Kräfte sparen. Sofern die Aktivität des Pflegenden als Bewegungsgeber zu schnell für die Möglichkeiten des Patienten ist, erfolgt dessen Reaktion verzögert. In der Folge ist die Anstrengung für den Pflegenden größer als für den Patienten.

Das Konzept der funktionalen Anatomie

Das Konzept der funktionalen Anatomie beschäftigt sich mit Gewichtsverläufen und vorherrschenden Schwerkräften, sowie den Möglichkeiten und Grenzen der Beweglichkeit des Menschen. Unser Bewegungsapparat besteht aus Muskeln, Knochen und Gelenken und bildet die Grundlage der Bewegung. Obwohl alle unsere Körper individuell sind, sind die Aufgaben der anatomischen Strukturen bei jedem gleich: Die Knochen tragen unser Gewicht und die Gelenke fungieren als Bewegungsebenen. Sie zeigen den möglichen Bewegungsspielraum auf.

Für den Transfer von immobilen Menschen ergibt sich aus diesem Konzept, das Gewicht des Patienten während der einzelnen Mobilisationsschritte auf die knöchernen Strukturen seines Körpers zu verlagern und die Bewegungen in den Gelenken einzuleiten. Diese Vorgehensweise schont sowohl Muskeln als auch Gelenke. Beim klassischen Hochziehen des Patienten von einem Stuhl werden z. B. gleichzeitig beide Arme, Kopf und Thorax nach oben in die Senkrechte gezogen. Wird er hingegen im Sinne der Kinästhetik mobilisiert, ist der Pflegende stets bemüht ein Körperteil nach dem anderen zu bewegen. So können beim Aufstehen bspw. die Arme des Patienten abwechselnd sowohl aktiv als auch passiv zur Gewichtsentlastung eingesetzt werden.

Das Konzept der menschlichen Bewegung

Das Konzept der menschlichen Bewegung befasst sich mit spezifischen Bewegungsmustern, die zur Durchführung einzelner Bewegungen erforderlich sind. Ein gesundheitsunterstützendes Bewegungsmusterbeinhaltet mehrere Richtungen. Die Gewichtsverlagerung auf die Hauptachse über die Körpermitte wird als Parallelbewegung bezeichnet, die gleichmäßige Gewichtsverteilung über die Körperseiten hingegen als Spiralbewegung. Erstere erfordert mehr Kraft, letztere mehr Raum.

Sofern Pflegende die individuellen Bewegungsressourcen ihres Patienten erkennen, können die einzelnen Bewegungsabläufe gemäß natürlichen Bewegungsmustern den Möglichkeiten des Patienten angepasst werden. Um einem Patienten aus der Rückenlage zum Aufsitzen auf die Bettkante zu verhelfen, ist z. B. eine komplexe Spiralbewegung notwendig. Ist diese dem Patienten aber so nicht mehr möglich, wird die Bewegung mit Hilfe der Kinästhetik zerlegt. Das Gewicht des Patienten wird mehrfach verlagert, um ihn aufzusetzen.

Das Konzept der menschlichen Funktion

Das Konzept der menschlichen Funktion beschreibt verschiedene Grundfunktionen und -positionen des Menschen. Einfache Funktionen ermöglichen das Durchführen von Aktivitäten (z. B. Rückenlage, Schneidersitz oder Zweibeinstand), komplexe Funktionen werden untergliedert in Fortbewegung (z .B. Gehen und Springen) und Bewegung am Ort (z. B. vitale Prozesse wie Kreislauf oder Atmung). Die menschlichen Funktionen des Körpers stehen im stetigen Wechselspiel miteinander. Während wir uns bewegen, laufen sekündlich bestimmte Stoffwechselprozesse in unserem Körper ab.

Solange wir mobil und gesund sind, führen wir die Funktionen unseres Körpers ganz selbstverständlich aus. Die spezifische Wahrnehmung dieser Funktionen und ihrer Wechselwirkungen mit Hilfe der Kinästhetik kann in der Pflege immobiler Menschen dazu beitragen, den Patienten in seinen natürlichen Funktionen zu unterstützen. So hat z. B. die Position des Körpergewichtes einen wesentlichen Einfluss auf die Atmung. Hat ein bettlegerischer Patient Probleme beim Atmen, kann nach den üblichen Erste-Hilfe-Maßnahmen eine veränderte Lagerung weitere Erleichterung verschaffen.

Das Konzept der Anstrengung

Das Konzept Anstrengung versucht durch gezieltes Ziehen oder Drücken die Eigenaktivität des immobilen Menschen zu fördern und dabei die Anstrengung zu reduzieren, die jede menschliche Bewegung erfordert. Schwer kranke Menschen verlieren oft die Motivation, sich zu bewegen, da sie dafür zu viel Kraft benötigen. Pflegende sollten sie daher in ihrer eigenen Anstrengung unterstützen. Sitzt ein Patient z. B. auf dem Bettrand und soll zum Stehen kommen, kann er durch leichten Zug an beiden Armen darin unterstützt werden, stückweise im Bett nach vorn zu rutschen bis seine Füße Kontakt zum Boden haben und er aufstehen kann. Der Pflegende gibt durch das Festhalten der Hände des Betroffenen, Schritt für Schritt Bewegungsimpulse an ihn ab

Das Konzept der Umgebung

Wo Bewegung stattfindet, nehmen äußere Faktoren Einfluss auf sie. Ein gesunder Mensch kann entweder seinen Körper an die Umgebung anpassen oder die Umgebung verändern. Immobilen Menschen ist das nur noch eingeschränkt möglich. Deshalb müssen andere für sie die Gestaltung der Umgebung übernehmen, um sie an ihre spezifischen Bedürfnisse anzupassen. Neben einer barrierefreien Wohnung oder einem Rollstuhl, könnenverschiedene Hilfs- und Lagerungsmittel die natürliche Bewegung des Patienten unterstützen und ihm Erleichterung verschaffen.

Doppelt positive Wirkung

Im Rahmen der Pflege von schwerstkranken und behinderten Menschen zeigt sich die Wirkung von Kinästhetik stets in doppelter Art und Weise. Das Erlernen der Prinzipien der Kinästhetik hilft sowohl den Patienten als auch den Pflegenden die grundlegenden Muster der menschlichen Bewegungsfähigkeit bewusst wahrzunehmen, ein kraftökonomisches Bewegungsverhalten zu entwickeln und sensomotorische Interaktionsfähigkeiten zu vertiefen.

Pflegende nutzen die eigene Bewegung und den eigenen Körper zur gezielten Unterstützung und Führung der Bewegung des Patienten. Diese erleben sich auf der anderen Seite in der Pflegehandlung wirksam und können spezifische Bewegungsabläufe gemäß ihrer Ressourcen mitkontrollieren.

Die Versorgung immobiler Patienten hinterlässt bei Pflegenden häufig Spuren – in vielen Fällen kommt es zu Rückenbeschwerden – in dieser Branche eine der häufigsten Ursachen für Fehlzeiten und sogar berufliche Umorientierung. Vor dem Hintergrund dieser Problematik bietet Kinästhetik nicht nur für den zu mobilisierenden Patienten wesentliche positive Aspekte, auch dem ihn Pflegenden eröffnen sich neue Möglichkeiten eines rückenschonenderen Arbeitens. Pflegende lernen für sich selbst physiologische Bewegungsmuster anstelle der oftmals belastenden, sogenannten „Zwangshaltungen“ bei anderen Mobilisationstechniken. Häufig erleben Pflegekräfte das Konzept sogar als psychisch motivierend – aufkommender Frust wegen körperlicher Überlastung wandelt sich in ein positives, gesundheitsförderndes Erlebnis. Sogar die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege empfiehlt in einem Bei-trag zum Thema „Spannungsfeld Rücken“ das Konzept der Kinästhetik und hält die Pflege dazu an, zu bewegen statt zu heben (BWG Themen: Spannungsfeld Rücken, M655, 02/2008).

Werden Pflegeinterventionen als Interaktionen auf der Grundlage der Kinästhetik gestaltet, führt dies nicht nur zu erstaunlichen gesundheitlichen Fortschritten bei den pflegebedürftigen Menschen, sondern auch zu einer Gesundheitserhaltung der pflegenden Personen. Kinästhetik leistet so einen Beitrag zur Lebensqualität aller Beteiligten. Ilona Jorkowsk

Literaturquellen und -empfehlungen

►Frank Hatch, Lenny Maietta, Ute villwock und elisabeth Brock:Kinästhetik. Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten, Elsevier Verlag, November 2002

►Heidi Bauder-Mißbach:Kinästhetik in der Intensivpflege. Frühmobilisation von Schwerstkranken, Schlütersche Verlag, September 2006

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