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07.08.2014

Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt - Inklusion zwischen Anspruch und Realität

Die Visionen einer inklusiven Gesellschaft ohne Benachteiligung von behinderten Menschen klingen gut und machen Hoffnung. Zum selbstbestimmten Leben gehört allerdings eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben dazu – und hier ist neben verschiedenen Erfolgen noch eine ganze Menge Arbeit offen. Wir geben Einblicke.

Vor 20 Jahren wurde folgender Satz nach langer Diskussion in Artikel III Absatz 3 des deutschen Grundgesetzes aufgenommen: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Ein wichtiger Meilenstein der Gleichstellungsbewegung behinderter Menschen, von dem zugleich „Signalwirkung“ ausging. Das betonte unlängst Verena Bentele, vielfache Paralympics-Siegerin und aktuelle Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, anlässlich des Jubiläums. Wichtige Gesetze, wie das Behindertengleichstellungsgesetz, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz oder die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention, würden auf diesem ersten großen Erfolg der Gleichstellungsbewegung behinderter Menschen basieren.

Insgesamt sei die Bilanz der letzten 20 Jahre positiv, so Bentele. „Ich bin froh, heute sagen zu können: Es hat sich gelohnt. Wir wären nicht dort, wo wir heute sind, wenn viele Menschen mit Behinderung sich damals nicht so engagiert eingesetzt hätten.“ Allerdings bleibt auch nach 20 Jahren noch viel zu tun. Gerade auf dem wichtigen Arbeits- und Ausbildungsmarkt haben es Menschen mit Behinderung bis heute schwer.

Nach der Schule wird es schwierig

So kommt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zu dem ernüchternden Ergebnis, dass nur wenige Jugendliche mit Förderbedarf nach der Schule einen Ausbildungsplatz fänden. In Zahlen: Von jährlich etwa 50.000 Schulabgängern mit sonderpädagogischem Förderbedarf finden nur rund 3.500 einen betrieblichen Ausbildungsplatz und das obwohl ausbildungsberechtigte Unternehmen ihre Erfahrungen mit förderbedürftigen Jugendlichen durchaus als positiv einschätzen.

Ähnlich ernüchternd fällt der Blick auf die Schulabschlüsse von behinderten Menschen aus. Bislang bleiben sie klar hinter den Schulabschlüssen nicht behinderter Menschen zurück. Laut Teilhabebericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2013 verfügten 2010 etwa 37 Prozent über einen Hauptschulabschluss, den häufigsten Schulabschluss von Menschen mit Behinderung. Einen Realschulabschluss erreichten 33 Prozent der behinderten Menschen, das Abitur oder die Fachhochschulreife nur 17 Prozent. 4 Prozent verließen die Schule ohne Abschluss. Zum Vergleich: Bei den nicht behinderten Menschen lag der Anteil der Menschen mit Hauptschulabschluss bei lediglich 25 Prozent. Der Anteil der nicht behinderten Menschen mit Abitur oder Fachhochschulreife war mit 32 Prozent hingegen doppelt so hoch.

Glücklich, wer einen Job hat

Im Berufsleben sieht es nicht anders aus. Im Vergleich zu nicht behinderten Menschen ist die Erwerbsbeteiligung behinderter Menschen in Deutschland nach wie vor geringer. Daran konnten selbst diverse arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zur Förderung behinderter Menschen nichts ändern.

Ein realistisches Bild der Situation gibt das 2013 erstmals veröffentlichte Inklusionsbarometer zur Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderung von Handelsblatt Research Institute und Aktion Mensch. Es zeigt, dass sich die Situation von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre kaum verbessert hat. Vom wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre und seinen positiven Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt konnten behinderte Menschen somit nicht profitieren.

Entsprechend schwierig gestaltet sich ihre ökonomische Situation – bedingt durch niedrige Einkommen und daraus resultierende niedrige Renten. Werden Menschen mit schwerer Behinderung arbeitslos, ist es für sie erheblich schwieriger als für nicht behinderte Menschen, wieder in Lohn und Brot zu kommen. Deshalb zählen viele Schwerbehinderte zu den Langzeitarbeitslosen.

Positive Erfahrungen im Job

Menschen mit schwerer Behinderung, die über einen Arbeitsplatz verfügen, sind vor allem im verarbeitenden Gewerbe, in öffentlichen Verwaltungen, im Verteidigungs- oder Sozialversicherungsbereich tätig. Darüber hinaus arbeiten sie häufig im Gesundheits- und Sozialwesen, als Freiberufler oder in wissenschaftlichen sowie technischen Dienstleistungsberufen und sind in ihrem Job durchaus glücklich, wie das Inklusionsbarometer zeigt.

Der Staat hilft nach

Die öffentliche Hand unterstützt die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen durch verschiedenen Maßnahmen und Leistungen:

Beschäftigungspflicht Um die Beschäftigung von Menschen mit schwerer Behinderung zu erhöhen, herrscht in Deutschland Beschäftigungspflicht. Das bedeutet, dass sowohl privatwirtschaftliche als auch öffentlich-rechtliche Arbeitgeber mit mindestens 20 Arbeitsplätzen wenigstens fünf Prozent der Arbeitsplätze mit Arbeitnehmern besetzen müssen, die schwerbehindert sind. So sieht es das Sozialgesetzbuch IX vor. Tun sie dies nicht, müssen sie eine Ausgleichsabgabe zahlen. Während öffentliche Arbeitgeber sowie Großkonzerne in Deutschland bereits 2011 ihre Beschäftigungsquote erfüllten, erzielten kleinere und mittlere Betriebe diese Quote nicht.
Unterstützte Beschäftigung Viele Menschen mit Behinderung arbeiten in sogenannten Werkstätten für behinderte Menschen. Die Zahl dieser Werkstätten fern des allgemeinen Arbeitsmarktes wächst und das, obwohl es Alternativen gibt. Um diese Alternativen zu fördern wurde die Unterstützte Beschäftigung eingeführt, die Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf eine individuelle betriebliche Qualifizierung, Einarbeitung sowie Begleitung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ermöglichen soll.
Besonderer Kündigungsschutz Um einmal geschaffene Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen zu schützen, gibt es in Deutschland einen besonderen Kündigungsschutz, der für die Kündigung eines Arbeitnehmers mit schwerer Behinderung in der Regel eine vorherige Zustimmung durch das Integrationsamt vorsieht. Auf diesem Weg soll zusätzlicher Spielraum für eine gütliche Einigung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder aber die Sicherung des Arbeitsplatzes durch weitere finanzielle Leistungen geschaffen werden.

Mehr Informationen

Einen kompakten Überblick über die vielfältigen Leistungen an Arbeitgeber und schwerbehinderte Menschen, die deren Berufstätigkeit unterstützen sollen, gibt das ABC Behinderung & Beruf ab Seite 292. 

Auf der Arbeit mit Katharina

Katharina Kirch: "Es ist gut eine Aufgabe zu haben, damit man aufhört, sich ständig nur mit seiner Krankheit zu beschäftigen.“ Foto: Dario Lehner

Das gelebte Inklusion ein Gewinn für alle ist, zeigen gelungene Praxisbeispiele für den Berufseinstieg von Menschen mit Behinderungen wie das von Katharina Kirch. Die junge Kultur- und Medienpädagogin startete trotz einer seltenen Stoffwechselerkrankung nach dem Studium beim Offenen Kanal Merseburg-Querfurt e. V. mit einer eigenen Sendereihe zum Thema Behinderung.

Der Weg zum eigenen Arbeitsplatz erforderte allerdings eine ganze Menge Ausdauer und Eigeninitiative. „Ich habe mich nach dem Studium erstmal arbeitslos gemeldet“, berichtet Katharina. „Dann haben wir ganz konkret nach Fördermöglichkeiten gefragt, damit mich der Offene Kanal beschäftigen kann. Wir wurden über das Arbeitsmarktprogramm „Arbeitsplätze für besonders betroffene schwerbehinderte Menschen bis zur Vollendung des 50. Lebensjahres“ im Land Sachsen-Anhalt informiert. Anschließend haben wir alle Anträge ausgefüllt und die Termine wahrgenommen, damit wir die Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben und technische Arbeitshilfe erhalten.“ Mit Erfolg, der Arbeitsplatz von Katharina Kirch wurde mit 21.000 Euro ausgestattet. Vom Integrationsamt erhält sie personelle Unterstützung.

Mittlerweile ist die Kultur- und Medienpädagogin mitten im Berufsleben angekommen. Von ihrer Aufklärungsarbeit zum Thema Behinderung profitiert die ganze Region. Ihren Arbeitskollegen in der Redaktion ist sie schnell ans Herz gewachsen: „Meine Kollegen finden meine Arbeit gut, interessieren sich dafür und unterstützen mich sehr. Sie behandeln mich wie eine ganz normale Arbeitskollegin. Wir haben gemeinsam viel Spaß und lernen voneinander.“

Allerdings muss auch Katharina im journalistischen Berufsalltag immer wieder mit Vorurteilen kämpfen – beispielsweise bei Interviews: „Meine Körpergröße ist manchmal zu Beginn eines Gespräches, wenn mich noch niemand kennt, ein Problem. Ich werde nicht für 'voll' genommen und einfach übersehen. Interviewpartner sprechen dann mit meiner Begleitung und nicht mit mir.“

Unabhängig davon rät sie jedoch anderen Menschen mit Behinderung zum Start ins Berufsleben und gibt ihnen einige Tipps mit auf den Weg, die ihr selbst geholfen haben: „Nicht aufgeben, immer positiv denken und zielorientiert sein, auf die Menschen zugehen, überzeugend sein und nicht nur fordern.“ Darüber hinaus empfiehlt sie, vorhandene Beratungsangebote vor Ort für den Berufseinstieg zu nutzen. Die persönlichen Erfahrungen, die Katharina Kirch beim Arbeits- und Integrationsamt sammeln konnte, waren jedenfalls positiv: „Wir hatten vielleicht auch Glück, sehr kompetente Mitarbeiter kennenzulernen, die sich auch über den 'Tellerrand' hinaus engagierten.“

Ohne Behinderte sehen wir in Zukunft alt aus

In einem alternden Deutschland, das in zahlreichen Wirtschaftsbereichen über drohenden Fachkräftemangel und fehlenden Nachwuchs klagt, verwundert es schon, dass die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen bis heute so vernachlässigt werden. Dabei ist das Potenzial enorm, wie Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institute und ehemaliger Vorsitzender des Rates der Wirtschaftsweisen, zeigt: „In einer Marktwirtschaft verspricht sich jeder Unternehmer mit einer Einstellung die Verbesserung seines Unternehmensergebnisses. Mehr als 80 Prozent der Arbeitgeber stellen keine Leistungsunterschiede zwischen Angestellten mit und ohne Behinderung fest.“ Es spricht also viel dafür, auch in Zukunft noch stärker auf Inklusion im Arbeits- und Ausbildungsmarkt zu setzen.

Quellen und weitere Informationen

„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“: Pressemitteilung der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen vom 30. 06. 2014

Ruth Enggruber, Josef Rützel im Auftrag der Bertelsmann Stiftung (2014): Berufsausbildung junger Menschen mit Behinderungen. Eine repräsentative Befragung von Betrieben. Mehr Informationen sowie die Studie als PDF hier.

Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) (2014): ABC Behinderung & Beruf. Handbuch für die betriebliche Praxis,
5. überarbeitete Ausgabe. Abrufbar hier.

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2013): Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen. Teilhabe – Beeinträchtigung – Behinderung.

Aktion Mensch in Kooperation mit dem Handelsblatt Research Institute (2013): Inklusionsbarometer Arbeit. Wie steht es um die Inklusion auf dem deutschen Arbeitsmarkt? Ein neues Instrument macht Fortschritte messbar. Online abrufbar hier.

Interview mit Katharina Kirch am 30.06.2014

Im Gespräch

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