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21.02.2014

Brain Painting: Die Kunst im Kopf

Kunst entsteht zuerst im Gehirn – alle Ideen formen sich in den Synapsen. Das innovative Verfahren „Brain Painting“ macht diese Gedankenbilder sichtbar und ermöglicht bewegungslosen/-eingeschränkten Menschen, sich kreativ auszudrücken. Zwei an der Nervenkrankheit ALS erkrankte Künstler zeigen uns ihre Werke.

"Bruce Willis in der Erdsauna" von Heide Pfützner
"Grau" von Jürgen Thiele

Jürgen Thiele sitzt in seinem Atelier in Königs Wusterhausen und malt. Er benutzt keinen Pinsel und trotzdem entstehen Bilder auf der virtuellen Leinwand. Durch das spezielle Verfahren „Brain Painting“ werden die Hirnströme des Künstlers gemessen, verarbeitet und in künstlerischen Formen umgewandelt auf dem Bildschirm angezeigt. Ein roter Kreis, ein blaues Viereck, Nebelwolken oder auch Figuren – ein Kunstwerk entsteht langsam und kostet viel Kraft. Jede Auswahl von Form, Farbe und Pinselgröße erfordert volle Konzentration. Ablenkungen stören diesen Prozess und verfälschen das Ergebnis: „Es muss ruhig sein und ich darf auch an nichts anderes denken, sonst kommt etwas anderes auf die Leinwand als ich mir vorgestellt habe“, erzählt der 74-jährige Bildhauer, Architekt und Maler, der sein ganzes Leben lang schöpferisch tätig war.

„Ich habe immer gesagt, wenn ich nicht mehr malen kann, bin ich tot und dann kam Brain Painting“, erinnert er sich. Genau in der Zeit, als er durch die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) vollständig bewegungsunfähig wurde. Bei dieser seltenen, degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems kommt es zu irreversiblen Schädigungen von Nervenzellen und zur stetigen Muskellähmung des gesamten Organismus. „Das war ein schleichender Prozess. Der Körper verfällt langsam. Ich konnte mich immer weniger bewegen, mein Sprachvermögen wird zunehmend schwächer und ich muss 24 Stunden beatmet werden. Der Geist ist wach, aber der Körper kann nichts mehr“, fasst Jürgen Thiele seine Krankheit zusammen.

Einrichten des Brain Paintings bei Jürgen Thiele

Einrichtung des Brain Paintings bei Jürgen Thiele mit Elisa Holz und Loic Botrel. Foto: GIP
Einrichtung des Brain Paintings bei Jürgen Thiele mit Elisa Holz und Loic Botrel. Foto: GIP
Einrichtung des Brain Paintings bei Jürgen Thiele mit seinem Team. Foto: GIP
Einrichtung des Brain Paintings bei Jürgen Thiele mit seinem Team. Foto: GIP
Erste Brain Painting-Versuche von Jürgen Thiele. Foto: GIP
Erste Brain Painting-Versuche von Jürgen Thiele. Foto: GIP

Adi Hoesle stellt Brain Painting im Rahmen der Ausstellung Pingo Ergo Sum vor

Ich bin nicht gefangen

Die verschiedenen Stadien von ALS haben auch Spuren in der künstlerischen Arbeit des Brandenburgers hinterlassen. Als zu Beginn der Krankheit 2006 das Zittern begann, waren genaue Pinselstriche nicht mehr möglich und er nutze verstärkt die Aquarelltechnik. Die Formate wurden kleiner, weil ihm die Feinmotorik fehlte, um große Flächen zu bearbeiten. Der Künstler experimentierte mit unterschiedlichen Techniken – es entstanden Acrylarbeiten mit dem Spachtel oder Werke, die er im Stehrollstuhl mithilfe von Kopf und Mund malte. Die zunehmende Bewegungslosigkeit trieb ihn an. Er schuf hunderte Bilder in der Annahme, dass es bald vorbei sei. Dieser Augenblick der vollständigen Lähmung trat im Herbst 2013 ein. Es gab keine Möglichkeit mehr, sich über die Motorik künstlerisch auszudrücken. „Brain Painting war meine Rettung – damit bin ich nicht mehr gefangen und werde noch lange malen können, weil es meine Gedanken immer geben wird“, freut sich Thiele.


Die Idee zu Brain Painting hatte der Künstler Adi Hoesle, der diese Mechanik als ehemaliger Intensivkrankenpfleger für den an ALS-erkrankten Jörg Immendorff entwickelte. Der Maler erlebte die Fertigstellung von Brain Painting leider nicht mehr, ebnete aber den Weg für andere, deren künstlerische Ideen sich nun messen lassen. Adi Hoesle arbeitete zusammen mit Wissenschaftlern der Universität Würzburg an der „digitalen Leinwand“. Grundlage des Programms ist die Biotechnologie Brain-Computer-Interface (BCI), die als Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer fungiert. Mit Hilfe von Elektroden, die an einer Haube befestigt sind, werden die Hirnströme an den Computer übermittelt und elektronische Signale in Bilder umgewandelt. Der Nutzer betrachtet einen Monitor, auf dem eine Matrix aus unterschiedlichen Malwerkzeugen wie zum Beispiel Formen, Pinselgrößen und Farben zu sehen ist. Es gibt 42 Befehle zur Auswahl auf die sich der Künstler konzentrieren kann. Immer wieder blinken die Symbole auf und lösen einen Reiz im Gehirn aus. Der Computer registriert den Reiz und wählt das gewünschte Malwerkzeug aus.

Werke von Jürgen Thiele in der Brain Painting-Technik

"Blau Rot" von Jürgen Thiele
"Dunkelblau" von Jürgen Thiele
"Dunkelblau" von Jürgen Thiele
"Gelb Schwarz" von Jürgen Thiele
"Gelb Schwarz" von Jürgen Thiele
"Grau Gelb" von Jürgen Thiele
"Grau Gelb" von Jürgen Thiele
"Grün Bunt" von Jürgen Thiele
"Grün Bunt" von Jürgen Thiele
"Himmel" von Jürgen Thiele
"Himmel" von Jürgen Thiele
"Perlen" von Jürgen Thiele
"Perlen" von Jürgen Thiele
 

Am Anfang war es Zufall

Je nach Konzentrationsvermögen muss sich der „Gedankenmaler“ einige Minuten auf ein Symbol konzentrieren bis es auf den Bildschirm projiziert wird. „Am Anfang wusste ich nicht, wie das Ganze funktioniert und die Bilder waren eher Zufallsprodukte“, berichtet Jürgen Thiele. „Jetzt habe ich Übung und experimentiere herum, aus der Form „Wolke“ kann ich Rauch malen oder aus Quadraten einen Turm bauen. Am Anfang habe ich nur die Grundfarben verwendet, jetzt mische ich sie durcheinander“, freut sich der Künstler über die Weiterentwicklung seiner Arbeit.

  • Vom Leben inspiriert

    Heide Pfützner aus Leipzig malt bereits seit zwei Jahren mit der Kraft ihrer Gedanken und stellte im Sommer 2013 in Schottland 30 ihrer Werke aus. Die lebenslustige Frau hat viel Sinn für Humor, den man zum Beispiel in den Titeln ihrer Bilder spüren kann: „Bruce Willis in der Erdsauna“ heißt eines oder das Werk „Lila“, scherzt sie, sei der letzte Versuch. Die 74-jährige kann sich nur noch über ihre Augen verständigen und steuert so einen Sprachcomputer zur Kommunikation. Neben Brain Painting schreibt sie Gedichte und lässt Menschen durch Kunst und Poesie an ihrem Leben teilhaben.

  • Lyrik von Heide Pfützner

Sie lässt sich von ihrer Umwelt inspirieren. GIP-Pflegerin Melanie wurde beispielsweise beim Einrichten des Brain Paintings so wütend, weil es nicht funktionierte, dass Frau Pfützner im Anschluss das Bild „Melly exploding“ (Melly explodiert) zeichnete. Ungefähr 80 Bilder sind bisher durch Brain Painting entstanden. Oft dauert es viele Stunden bis ein Werk fertiggestellt ist und erfordert viel Energie. „Der Schürzenjäger“, ist Heides Lieblingsbild, weil darauf richtige Figuren (eine Schneemannfamilie) abgebildet sind und nicht nur expressionistische Formen. Ähnlich wie Herr Thiele malt Frau Pfützner 2-3 mal pro Woche und hat ihre Technik im Laufe der Zeit weiterentwickelt.

Neue Wege gehen

Wichtig für beide ist die positive Grundeinstellung. „Es gab oft Phasen, in denen ich verzweifelt war und keine Lust mehr hatte zu leben. Aber dann ging es doch wieder aufwärts. Positiv denken und nicht verzweifeln“, rät Jürgen Thiele Betroffenen. „Wenn ich die Krankheit nicht hätte, wäre ich ganz gesund“, lacht er und versucht einmal mehr, dem Leben mit guter Laune zu begegnen. Sein künstlerischer Assistent Hagen kennt diese Anstrengungen: „Das ist ein riesiger innerlicher Prozess, sich Stück für Stück von seinen Techniken verabschieden zu müssen und zu wissen, sie kommen nie wieder. Er hat viel mit sich selber ausgemacht und immer versucht, sich seine Lebensqualität zu bewahren“, berichtet er.

Werke von Heide Pfützner in der Brain Painting-Technik

"Der Schürzenjäger" von Heide Pfützner
"Melly exploding" von Heide Pfützner
"Melly exploding" von Heide Pfützner

Für Heide Pfützner war die Reise nach Schottland eine besondere Erfahrung. Auf der kleinen Insel Easdale kamen zahlreiche Menschen im Juli 2013 zur Ausstellungseröffnung und stellten unzählige Fragen. Sie war dankbar für die Hilfe durch Familie, Freunde, ihr GIP-Team sowie weitere Unterstützer und freut sich trotz der aufwändigen Logistik auf die nächste Ausstellung in Würzburg. Beide Künstler appellieren an Betroffene und Angehörige, nicht aufzugeben: „Das Leben ist nicht zu Ende, es nimmt nur einen anderen Weg.“

Die Schottland-Ausstellung von Heide Pfützner

Glückliche Ankunft von Familie Pfützner und dem GIP-Team am Flughafen Glasgow mit dem Empfangskomitee. Foto: Team Pfützner
Glückliche Ankunft von Familie Pfützner und dem GIP-Team am Flughafen Glasgow mit dem Empfangskomitee. Foto: Team Pfützner
Heide Pfützner mit Elisa Holz und Loic Botrel bei der Ausstellungseröffnung. Foto: Team Pfützner
Heide Pfützner mit Elisa Holz und Loic Botrel bei der Ausstellungseröffnung. Foto: Team Pfützner
Heide Pfützner inmitten ihrer Bilder und Unterstützer. Foto: Team Pfützner
Heide Pfützner inmitten ihrer Bilder und Unterstützer. Foto: Team Pfützner
Entspannen nach der Ausstellungseröffnung mit Freunden und dem GIP-Pflegeteam: Konstanze Thurm, Julia Dörr und Tamara Tamourt
Entspannen nach der Ausstellungseröffnung mit Freunden und dem GIP-Pflegeteam: Konstanze Thurm, Julia Dörr und Tamara Tamourt
Ausstellungseröffnung in Schottland. Heide Pfützner mit Familie und Freunden. Foto: Team Pfützner
Ausstellungseröffnung in Schottland. Heide Pfützner mit Familie und Freunden. Foto: Team Pfützner
Abendliche Party und Rockkonzert nach der Ausstellungseröffnung. Foto: Team Pfützner
Abendliche Party und Rockkonzert nach der Ausstellungseröffnung. Foto: Team Pfützner
 

Von P300 bis BCI - was Sie über Brain Painting wissen sollten

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