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Die unbekannte Volkskrankheit COPD

Einatmen. Ausatmen. Wer denkt darüber schon nach? Das funktioniert einfach. Doch Atmen fällt Millionen Menschen, die von der Lungenkrankheit COPD betroffen sind, unendlich schwer. Die Luft zum Leben wird für sie zum täglichen Kampf. Wir wollen auf dieses Volksleiden aufmerksam machen und damit ein stärkeres Bewusstsein fördern.

Wenn sich die Atemwege verengen

COPD - chronic obstructive pulmonary disease. Abbildung: shutterstock

COPD ist eine Lungenerkrankung, bei der sich die Atemwege verengen, weil sie entzündet sind. Somit wird Luft holen zum echten Kraftakt. In Deutschland sind etwa 10-15% der Bevölkerung betroffen (Quelle: Deutsche Lungenstiftung). Jährlich entstehen dadurch 5,5 Milliarden direkte volkswirtschaftliche Kosten, die indirekten Gesamtkosten werden mit 17 Milliarden Euro beziffert (Quelle: Bundesministerium für Gesundheit (Stand: Oktober 2012). Weltweit sind etwa 600 Millionen Menschen betroffen. Damit zählt, laut Weltgesundheitsorganisation, COPD mittlerweile zur vierthäufigsten Todesursache. Da die Lunge den Körper im Laufe der Erkrankung nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen kann.

COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease) umfasst als Oberbegriff zwei Arten der Lungenschädigung:

 

  • Dauerhafte (chronische) Entzündung der Bronchien, was zu einer Verengung der Atemwege führt (obstruktive Bronchitis)
  • Chronisches Überblähen der Lunge, wodurch sie zerstört wird (Lungenemphysem)


Bei der obstruktiven Bronchitis sind die Atemwege durch Schleim verstopft und der Patient muss die Lunge „freihusten“, damit ausreichend Luft hindurch gelangen kann. Normalerweise wird der Schleim über die Selbstreinigungsfunktion der Lunge abtransportiert. Da Schadstoffe diese Funktion aber zerstört haben, ist die Reinigung durch Abhusten der einzige Weg, um die Luftwege frei zu bekommen.

Im Laufe der Erkrankung werden die Lungenbläschen zerstört. Es bilden sich luftgefüllte Blasen. Dieses Aufblähen der Lunge wird Lungenemphysem genannt. Der Austausch zwischen Blut und Luft funktioniert nicht mehr ausreichend, weil die Fläche sich verkleinert hat. Somit gelangt weniger Sauerstoff ins Blut.  

Die langsame Zerstörung der Lungenstruktur kann nicht rückgängig gemacht werden. Die Krankheit ist unheilbar. Nur ihr Fortschreiten kann, zum Beispiel durch Medikamente, hinausgezögert werden.

COPD ist eine systemische Krankheit, die nicht nur die Lunge, sondern den gesamten Körper in Mitleidenschaft zieht. Durch die eingeschränkte Lungenfunktion treten Begleiterscheinungen wie Herz-Kreislaufprobleme, Wasseransammlungen, Schlafprobleme, Diabetes, Über-/Untergewicht, Knocheninstabilität und Depressionen auf, da der gesteigerte Energiehaushalt bei der Atemarbeit eine Schwächung des gesamten Energiehaushaltes zur Folge hat.

Rauchen ist Hauptursache von COPD. Foto: shutterstock

Ursachen der Lungenerkrankung

Die Krankheit verläuft zwar bei jedem Betroffenen anders, aber die Ursachen sind bei allen gleich. Die Wissenschaft hat drei Möglichkeiten definiert, durch die unsere Lunge dauerhaft zerstört werden kann. Bei 80% der Erkrankten ist Inhalationsrauchen der Grund. Zudem sind Luftverschmutzung (z.B. Abgase) und Stoffe, die im Arbeitsumfeld eingeatmet werden (z.B. Feinstaub, Chemikalien) dafür verantwortlich. Zu einem geringen Teil (5%) spielen genetische Aspekte eine Rolle. Besonders Männer ab 40 Jahren leiden an COPD (75%). Rund ein Viertel der Betroffenen sind Frauen.


COPD ist gut erforscht und keine neue Erkrankung. Laut Professor Herth von der Uniklinik Heidelberg erkannten bereits die Griechen in der Antike das Krankheitsbild. Im 17. Jahrhundert erfolgte dann erstmalig eine wissenschaftliche Beschreibung. Der verstärkte Anstieg der Lungenkranken ist auf den vermehrten Tabakkonsum in den 60er, 70er und 80er Jahren zurückzuführen. Da die Erkrankung in der Regel erst nach mindestens 20 Jahren Inhalationsrauchen auftritt, spüren wir den Effekt quasi zeitversetzt, so Professor Herth.

Das Problem ist das späte Erkennen der Krankheit. Betroffene beschreiben immer wieder, dass sie den Husten auf Erkältungen geschoben haben und die Abgeschlagenheit auf den anstrengenden Berufsalltag. Oft wird der ständige Husten, gerade am Anfang der Erkrankung, als „Raucherhusten“ oder Infekt abgetan. Die Krankheit wird bis zur Erkennung verdrängt, so Professor Herth.
Es ist wichtig, dass Symptome frühzeitig ernst genommen werden und bei Verdacht der Lungenfacharzt (Pneumologen) aufgesucht wird. Raucher ab dem 40. Lebensjahr sollten alle zwei Jahre ihre Lunge überprüfen lassen.


Je eher COPD diagnostiziert wird, desto besser kann ein Fortschreiten der Krankheit verlangsamt werden. Bei anhaltendem Husten oder dem Gefühl von Atemnot, ist ein Beratungsgespräch beim Hausarzt empfehlenswert.

Achten Sie auf folgende Symptome:

  • Kurzatmigkeit bei leichter Anstrengung
  • Permanenter Husten, oft zu einer bestimmten Tageszeit (ggf. mit Auswurf)
  • Enges Gefühl im Hals
  • Pfeifende, brummende Geräusche

COPD-Teufelskreis

Der COPD-Teufelskreis im Überblick. Grafik: GIP

Der Arzt informiert auch darüber, was auf die Patienten zukommt und wie sie sich im Fall einer Erkrankung am besten verhalten sollten. Insbesondere im Anfangsstadium ist der richtige Umgang mit COPD entscheidend, um nicht in einen Teufelskreislauf zu geraten, der sich wie folgt entwickelt.


Die Lunge muss bei Anstrengung eine höhere Sauerstoffmenge durch den Körper transportieren. Dadurch fällt Bewegung den Erkrankten oft schwer. Aufgrund der Luftnot werden diese Situationen automatisch vermieden. Die Betroffenen gewöhnen sich eine Schonhaltung an und führen viele Tätigkeiten nur noch im Sitzen durch. Durch Bewegungsmangel wiederum bauen aber das Herz-Kreislauf-System, die Knochenfestigkeit und die Muskelmasse ab. Die Leistungsfähigkeit verringert sich. Dies hat wiederum negative Auswirkungen auf die Atmung. Da sich die Kurzatmigkeit bei sinkender körperlicher Belastbarkeit verschlechtert und schon kleine Bewegungen den Betroffenen überfordern. Dieser Teufelskreislauf kann nur durchbrochen werden, wenn der Patient sich mit viel Disziplin neu auf Bewegung einstellt. Kontinuierliches Training sorgt für mehr Lebensqualität.

Spezielle Lungensportprogramme unterstützen den Patienten und sollen die Angst vor Atemnot nehmen, indem das richtige Maß an Bewegung geschult wird. Ausdauer und Muskelkraft werden aufgebaut, Beweglichkeit und Koordination trainiert. Die Erkrankten lernen durch spezielle Atemtechniken ihre Lungenfunktion zu kontrollieren. Aber es geht auch um die Einstellung: Eigene körperliche Grenzen müssen akzeptiert werden. Denn der normale Alltag verändert sich. Haare waschen, Einkaufen gehen oder Schuhe binden fallen schwer. Zeit und Kraft müssen darauf angepasst werden.

COPD und Partnerschaft

Nicht nur für die Patienten ist COPD eine Umstellung, auch die Angehörigen werden mit dieser unheilbaren Krankheit konfrontiert und müssen sich auf die neue Situation einstellen. Gemeinsam kämpfen sie um die Stabilisierung der Erkrankung und um die Bewahrung ihrer Lebensqualität. Angehörige übernehmen in der Regel nicht nur die Betreuung, es sammeln sich auch alle anderen Aufgaben wie Haushalt oder Einkäufe bei ihnen. Das verändert eine Beziehung – Rollen müssen neu organisiert werden. Minderwertigkeit und Antriebslosigkeit können die Beziehung daher sehr belasten. Diese Neuorganisation braucht Zeit und ist mit Frustrationen auf beiden Seiten verbunden. Es ist wichtig auch über sensible Themen zu sprechen, wie Sexualität und individuelle Auszeiten. Denn oft fällt es Angehörigen schwer, ohne schlechtes Gewissen Aktivitäten nachzugehen, an denen der Partner nicht mehr teilhaben kann. Eigene Entspannung kann sich aber wiederum positiv auf den Erkrankten auswirken. Denn gerade in Notfallsituationen braucht er einen starken, ruhigen und organisierten Partner, der ihm Rückhalt gibt.

Wann wird Intensivpflege notwendig?

Der COPD-Patient muss intensivmedizinisch betreut werden, sobald er nicht mehr selbstständig in der Lage ist, seine Atemversorgung sicherzustellen (z.B. Atemmaske platzieren). Das geschieht in der Regel im vierten und letzten Stadium. Je nach Fortschreiten der Krankheit und der Schwere der Begleiterscheinungen, ist professionelle Hilfe aber auch schon in früheren Stadien unerlässlich, denn COPD-Patienten haben einen enormen „Lufthunger“ und verlieren oft den Bezug zur Realität. Beispielsweise dosieren sie die zusätzlich zugeführte Luft unbewusst zu stark und gefährden damit ihr Leben.

Deshalb steht vor allem die Kontrolle der Beatmungszeiten, die Überwachung der korrekten Dosierung, die Art der Beatmung, die regelmäßige Einnahme der Medikamente und die Versorgung der Begleiterkrankungen im Vordergrund der intensivmedizinischen Pflege. Bevor Kortison gezielt eingesetzt wurde, haben viele Patienten das Medikament viele Jahre systemisch eingenommen. Die Nebenwirkungen von Kortison haben zahlreiche körperliche Schäden hervorgerufen, zum Beispiel Gerinnungsstörungen, Stammfettsucht, Augenveränderung und Kortisonhaut. Diese Begleiterscheinungen müssen bei den Betroffenen zusätzlich mitbehandelt werden.  

Letzter Ausweg Lungentransplantation

Der Zustand der Patienten verschlechtert sich im Verlauf der Krankheit. Sowohl die Betreuungsintensität als auch die Gefahr von Komplikationen nehmen zu. Die einzige Chance auf Gesundung besteht im Austausch der Lunge. Die Lungentransplantation ist eine sehr junge Methode der Organverpflanzung. Zur Zeit finden ca. 300 Operationen pro Jahr statt (Quelle: Deutsche Lungenstiftung e. V.). Der Eingriff ist sehr kompliziert und es gibt nur wenige Spenderlungen, die den Bedarf bei weitem nicht decken können. Die Transplantation kommt zudem nicht für alle COPD-Patienten in Frage. Es geht bei der Auswahl nicht nur um Dringlichkeit, sondern auch um Erfolgsaussichten. Falls es schwere Begleiterscheinungen gibt, wird von einer Operation abgeraten, weil sie lebensbedrohlich wäre und die Chancen auf vollständige Heilung als unrealistisch eingeschätzt werden. Der Empfänger muss ideale Voraussetzungen mitbringen. Es darf ihm nicht zu gut und nicht zu schlecht gehen.

Im optimalen Fall führt eine Transplantation zur Heilung von COPD. Allerdings überleben nur 80% der Patienten diesen Eingriff. Die Heilung ist stark davon abhängig, wie der Körper die neue Lunge annimmt und wie der Betroffene die Medikamente verträgt, die er ein Leben lang einnehmen muss. Es besteht eine höhere Infektanfälligkeit, wodurch auf die Einhaltung von strengen Hygienerichtlinien geachtet werden muss. Eine Lungentransplantation sollte nicht als Ausweg aus der Krankheit angesehen werden, da die Chancen auf eine neue Lunge äußerst gering sind. Daher raten Experten in erster Linie zur Akzeptanz von COPD und zum richtigen Umgang mit der Erkrankung.     

 

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Prof. Felix JF Herth, MD, PhD, FCCP -Chefarzt und stellvertretender Ärztlicher Direktor, Thoraxklinik am Universitätsklinikum Heidelberg. Foto: Prof. Felix JF Herth

Im Interview:

  • Prof. Felix JF Herth, MD, PhD, FCCP, Chefarzt und stellvertretender Ärztlicher Direktor, Thoraxklinik am Universitätsklinikum Heidelberg

  • Bundesministerium für Gesundheit (BMG)


GIP: Was empfehlen Sie zur Vorsorge von COPD?


Prof. Herth: Das ideale Vorsorgeinstrument ist die Überprüfung der Lunge durch einen Lungenfunktionstest. Hier kann die Erkrankung sehr gut frühzeitig erkannt werden. Leider wird dieser Test zu selten eingesetzt. Insbesondere in der hausärztlichen Versorgung findet dies nicht immer statt.

BMG: Die wichtigste Präventionsmaßnahme ist der Verzicht auf das Rauchen bzw. die Tabakentwöhnung. Es gibt eine Vielzahl von Angeboten in Deutschland […] zum Beispiel eine Datenbank, in der gezielt Anbieter von Raucherberatungen und Tabakentwöhnung in der Umgebung ermittelt werden können (www.anbieter-raucherberatung.de). Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) bietet in ihrer „rauchfrei“-Kampagne zusätzlich ein Online-Ausstiegsprogramm an. Viele Krankenkassen bezuschussen die Tabakentwöhnung.


GIP: Welche Hilfsangebote gibt es für Betroffene und ihre Angehörigen?

 

Prof. Herth: Neben medikamentöser Hilfe haben sich zwischenzeitlich in Deutschland Interessen- und Betroffenengruppen gebildet. Diese bieten regelmäßige Gesprächsaustausche an und organisieren mithilfe von Ärzten Lungensportgruppen. Wir wissen, dass körperliche Aktivität ein sehr wichtiger Baustein in der Therapie der COPD darstellt.

BMG: COPD erfordert eine besonders gut aufeinander abgestimmte kontinuierliche Behandlung der Patientinnen und Patienten. Für die Langzeitbetreuung wurden daher strukturierte Behandlungsprogramme (sog. Disease Management Programme, DMP) eingeführt, um den Behandlungsablauf und die Qualität der Versorgung zu verbessern. An den Programmen nehmen deutschlandweit über 440.000 gesetzlich Krankenversicherte teil.

GIP: Was raten Sie Betroffenen, um besser mit der Krankheit umgehen zu können?

 

Prof. Herth: Zu allererst natürlich das Akzeptieren der Erkrankungen. Falls noch nicht erfolgt, muss unbedingt das Rauchen beendet werden. Neben der konsequenten Einnahme der verordneten Medikamente ist regelmäßige körperliche Betätigung ein wichtiger Punkt, den der Patient selbst in der Hand hat.


BMG:
Neben zahlreichen Anlaufstellen für COPD-Erkrankte gibt es auch die unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD), die mit 21 regionalen Beratungsstellen im Bundesgebiet vertreten ist (www.unabhaengige-patientenberatung.de). Neben Ärzten, Juristen und Psychologen sind dort u.a. Gesundheits- und Pflegewissenschaftler aktiv. Das kostenfreie Beratungstelefon ist von Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr und donnerstags bis 20 Uhr unter 0800 0 11 77 22 erreichbar.

Leben mit COPD – Was ist wichtig?

Aktiv bleiben bei COPD. Foto: fotolia

1. Krankheit akzeptieren und Alltag umstellen

  • Tagesablauf planen und Aktivitäten vorbereiten
  • Stress vermeiden, Hilfe annehmen und Kräfte sparen
  • Haushalt neu organisieren


2. Körperlich aktiv bleiben

  • Regelmäßige, leichte körperliche Bewegung kräftigt Muskeln, Herz und Lunge
  • Geeignete Sportarten: z.B. Wandern, Radfahren, Schwimmen, Gymnastik, Yoga
  • Ungeeignete Sportarten: Intensive Sportarten, wie z.B. Tennis, Fußball und Bergwandern
  • Es gilt: Eigene Grenzen einschätzen und nicht überanstrengen!


3. Gesund ernähren

  • COPD Patienten sind oft über- oder untergewichtig
  • Bei Untergewicht = häufig kleinere Mahlzeiten und kalorienreiche Snack (wie Nüsse) essen
  • Bei Übergewicht = viel Obst/Gemüse essen und fett- sowie zuckerreiche Gerichte vermeiden
  • Viel Wasser trinken = macht Schleim in Hals und Lunge flüssig


4. Medikamente vorschriftsmäßig und regelmäßig einnehmen

  • Medikamente erweitern die Atemwege bei starker Verschleimung und wirken entzündungshemmend
  • Bei schwerem Krankheitsverlauf kommen häufig auch Kortison oder auch eine künstliche Beatmung zum Einsatz
  • Außerdem: Regelmäßig impfen lassen!


5. „Lungenanfälle“ frühzeitig erkennen und Panik vermeiden

  • Akutphasen (Exazerbationen) können Situation stark verschlechtern
  • Es gilt: Warnzeichen wie häufigeres Husten, Fieber und Erschöpfung früh erkennen und adäquate Schritte einleiten (z.B. spezielle Medikamente einnehmen)
  • Regelmäßige Atemübungen helfen die Atmung zu kontrollieren
  • Bei Atemproblemen: Ruhe bewahren und Entspannungsübungen machen (bei Bedarf Notfallmedikament inhalieren)

Nützliche Webseiten rund um das Thema COPD

Diese Seite finden Sie unter:http://www.gip-intensivpflege.de/copd/GIP Gesellschaft für medizinische Intensivpflege mbH 2014