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12.02.2014

Pflegekräfte zwischen Alltag, Glück und Trauer

Pflegekräfte zwischen Alltag, Glück und Trauer. Foto: shutterstock

„Für alle Fälle Stefanie“, „Die Schwarzwaldklinik“ oder „In aller Freundschaft“ – TV-Serien über die Pflege gehören fest zum deutschen Fernsehalltag. Mehr oder weniger talentierte Schauspieler inszenieren in diesen Produktionen ein Bild des Pflegeberufes, das mit der Wirklichkeit nicht viel gemeinsam hat.
 
Authentische Einblicke in den Alltag von Pflegekräften sind in den Massenmedien vergleichsweise selten. Gerade sie sind jedoch wichtig, um die gesellschaftliche Anerkennung sowie die Attraktivität des Pflegeberufes weiter zu steigern. Was macht den Pflegeberuf so besonders? Was motiviert Pflegekräfte, Tag für Tag mit Leidenschaft und Hingabe andere Menschen zu pflegen? Wie gehen Pflegekräfte mit schwierigen Situationen wie dem Tod eines versorgten Patienten um? Dieser Beitrag (Erstveröffentlichung in unserem GIP-Magazin) wirft einen Blick hinter die Kulissen des Pflegeberufes und möchte zugleich zur Diskussion über Berufsalltag und Motivation in der Pflege anregen.

Was den Pflegeberuf ausmacht

Im Rahmen eines Forschungsprojektes haben Studierende der Fachhochschule Jena verschiedene Pflegekräfte aus dem stationären sowie ambulanten Bereich 24 Stunden lang begleitet und interviewt (Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit, 2005). Die Forschungsergebnisse zeichnen ein lebendiges Bild des Pflegeberufes und machen vor allem eines klar: Pflege ist alles andere als ein eintöniger oder langweiliger Beruf. Gerade die große Abwechslung macht laut Studie den Reiz für viele Pflegekräfte aus. Patientenversorgung, Zusammenarbeit mit Ärzten, Therapeuten und Angehörigen, Bedienung und Überwachung medizintechnischer Apparate: Der Arbeitsalltag von Pflegekräften ist geprägt von einer Fülle an Tätigkeiten, die koordiniert werden müssen. Das kann mal zur positiv empfundenen Herausforderung und mal zur wirklichen Belastung werden. Eine Pflegekraft bringt die zwei Seiten des Pflegeberufes mit folgenden Worten auf den Punkt: „An manchen Tagen ist es eine große Herausforderung, wenn eben zu viel mit einmal kommt. Ich möchte das dann aber auch bewältigen.“ An anderen Tagen empfindet sie die gleiche Situation als Belastung: „Es ist immer unruhig und man muss immer variieren können. Also damit muss man leben, sagt man so schön. Aber es ist halt schwierig.“
 
Erschwerend kommt hinzu, dass begonnene Tätigkeiten gerade im stationären Bereich häufig unterbrochen werden, sei es durch das Klingeln des Telefons oder durch Fragen von Ärzten oder Angehörigen. Eine Pflegekraft erläutert: „Dann steht man halt so ein bisschen in der Mitte [...].“ Fachkräfte in der ambulanten Pflege sind hier klar im Vorteil, denn Unterbrechungen gehören eher selten zum Alltag. So berichtet eine ambulante Pflegekraft: „Wenn ich bei den Menschen bin, mache ich die Tür zu und da gibt es keine Unterbrechung bis ich wieder rausgehe. Also ich habe wirklich mehr Ruhe für den Einzelnen, weshalb ich auch in der ambulanten Pflege arbeite.“
 
Ob stationär oder ambulant, immer sind Pflegekräfte erster Ansprechpartner bzw. erste Ansprechpartnerin für Patienten, Angehörige und Ärzte. Pflegekräfte bezeichnen sich daher selbst auch als „Bindeglied“, „zentrale Figur“ oder „Schnittstelle“. Eine Pflegekraft berichtet: „Ich bin sehr viel mit dem Patienten zusammen, bin Bindeglied zwischen Arzt und den einzelnen Berufsgruppen, die noch mit dem Patienten arbeiten, gebe Anleitungen, weiß über Termine Bescheid, über Vorbereitungen ... .“
 
Gerade das Anleiten von neuen Mitarbeitern, Patienten und Angehörigen wird zu einem immer wichtigeren Teil des Pflegeberufes. Für Pflegekräfte stellt diese Aufgabe eine Bereicherung des Arbeitsalltags dar. Allerdings können sie in Bezug auf die Anleitung von Patienten und Angehörigen nicht nur über positive Erfahrungen berichten: „Ich würde sagen, die meisten sind dir sehr dankbar. Ja, es gibt Leute mit einer Erwartungshaltung, aber auch wenn man denen dann zeigt 'Guck mal, du kannst das !‘, wird es sehr dankbar angenommen und auch von Angehörigen oft als erleichternd empfunden.“
 
Ein Grund für den wachsenden Bedarf an Anleitungen ist der zunehmende Einsatz von spezialisierter Medizintechnik. Bestes Beispiel hierfür ist die häusliche Intensivpflege, in der eine Vielzahl von medizintechnischen Geräten zum Einsatz kommt. Die im Rahmen der 24-Stunden-Pflege-Studie begleiteten Pflegekräfte empfinden den zunehmenden Technikeinsatz als positiv und nehmen ihn als arbeitserleichternd wahr.

Was Pflegekräfte motiviert

Die „grundlegende Motivation“ der Pflege ist der Mitmensch. Entsprechend sollte nach Ansicht der befragten Pflegekräfte, „der Zeitaufwand [...] so gewichtet sein, dass der zu Pflegende davon am meisten bekommt“. Im Gegensatz zu vielen anderen Berufen ist der Pflegeberuf nicht nur Geldverdienen, sondern auch eine „sinnstiftende menschliche Tätigkeit“. Eine Pflegekraft formuliert treffend: „Ich denke, das ist eine sinnvolle Arbeit, die ich so tue. Besser als an irgendeinem Fließband stehen und was produzieren zu müssen, was nicht soviel Sinn macht.“ Die Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass Pflegende wie in keinem anderen Berufszweig direkt aus ihrer Arbeit heraus erfahren würden, wer sie warum brauche. Das zentrale Motiv im Pflegeberuf sei es, Menschen zu helfen. Dafür sollten Pflegekräfte bestimmte Voraussetzungen mitbringen. Entsprechend heißt es: „Gerade helfende und heilende Berufe erfordern ein besonderes Persönlichkeitsgerüst und das entsprechende Wissen.“
 
Eine Bestätigung der richtigen Berufswahl erfahren Pflegekräfte oft erst nach der Ausbildung. So berichtet eine examinierte Fachkraft: „Also ich hätte in der Ausbildung nicht gedacht, dass es mir mal soviel Spaß macht wie jetzt.“
Der eigenen Profession gehen Pflegekräfte mit Leidenschaft und Interesse nach. Dafür nehmen sie auch manche Probleme und Missstände in Kauf. Ihren inneren Antrieb fasst eine Pflegekraft in folgende Worte: „Freude macht es mir, wenn man sieht, wie die Patienten vorankommen, wie sie Stück für Stück selbständiger werden. Wenn sie wieder ein bisschen Lebensmut haben, das finde ich schön.“ Das Verhältnis zwischen Patient und Pflegekraft bezeichnen die Autoren der Studie in diesem Zusammenhang als Geben und Nehmen. Pflege und Hingabe für Dankbarkeit und Freude. Eine der interviewten Pflegekräfte nennt ihre Empfindungen: „Ja, ich bin froh, wenn ich bei meinen Patienten bin und wenn da irgendetwas zurückkommt und wenn es nur ein Lächeln ist, ein kleiner Spaß, ein nettes Wort.“
 
Aber nicht nur das Geben und Nehmen motiviert viele Pflegekräfte. Ein weiterer, wichtiger Faktor ist die Arbeit im Team. Die Qualität des Teams, so ein Ergebnis des Forschungsprojektes, trage auch in der ambulanten Pflege entscheidend dazu bei, ob sich Pflegende in ihrer alltäglichen Arbeit wohlfühlen würden.

Wie Pflegekräfte auf schwierige Situationen reagieren

Wie wichtig ein gutes Team und eine positive Wahrnehmung der eigenen täglichen Arbeit sind, merken Pflegekräfte besonders in schwierigen Situationen. Die plötzliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes eines versorgten Patienten oder dessen Tod sind tiefgreifende Erlebnisse für jede Pflegekraft.  
 
Wie Pflegekräfte mit dieser schwierigen Seite des Pflegeberufes umgehen, untersuchte eine Studie der Medizinischen Universitätsklinik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Halfpap, 2009). Die Autorin der Studie fand verschiedene Bewältigungsstrategien, die Pflegekräfte anwenden, um die persönliche Trauer nach einem Todesfall zu verarbeiten.
Ein zentrales Ergebnis lautet: „Die vom Pflegepersonal am häufigsten genannte Methode, um sich mit ihren Erfahrungen mit dem Tod von Patienten auseinander zu setzen, war, darüber zu reden.“ Reden, so die Autorin der Studie, helfe den Pflegekräften dabei, die Erfahrungen mit Tod und Sterben zu verarbeiten. Eine interviewte Pflegekraft formuliert das so: „Das ist etwas, was ich rauslassen muss. Ich muss darüber reden, sonst schluck ich das alles sehr tief.“ Als Gesprächspartner wählen Pflegekräfte vor allem ihre Kollegen, aber auch Freunde, den eigenen Partner oder sogar Vertreter der Kirche wie den Pfarrer.
 
Für viele Pflegekräfte ist Reden nur ein Weg, das Thema Tod und Trauer zu verarbeiten. Um die „psychische Belastung durch den Tod von Patienten zu vermeiden“, versuchen Pflegekräfte zusätzlich eine „gewisse Distanz“ zum sterbenden Patienten zu wahren. Eine Pflegekraft meint dazu: „Man darf nicht mitsterben [...], sonst ist man falsch im Beruf.“ Eine andere Pflegekraft verweist auf den Selbstschutz von Pflegenden, der es in Einzelfällen sogar nötig mache, die Pflege eines Patienten abzugeben. Schließlich hilft es vielen Pflegekräften darüber hinaus auch, den Tod letztendlich als Bestandteil des menschlichen Lebens zu akzeptieren.
 
Ist ein Patient verstorben, verarbeiten Pflegekräfte ihre persönliche Trauer durch verschiedene Rituale. Die Autorin der Studie beschreibt einige davon: „Manche der Interview-Partner erklärten, dass sie dem Toten noch einmal übers Gesicht streichen würden. Andere fanden es wichtig, den Verstorbenen ein letztes Mal anzuschauen, sich innerlich von ihm zu verabschieden und ihn loszulassen.“ Neben diesem Verabschiedungsritual wenden Pflegekräfte auch traditionelle Rituale wie das Öffnen des Fensters an, um die Seele des Toten entweichen zu lassen.
 
Ähnlich wie der Tote durch Rituale seine Ruhe finden soll, suchen auch Pflegekräfte nach einem Ausgleich zu den tragischen Erlebnissen. Manche finden diesen Ausgleich im Sport oder im Hobby. Andere finden ihren Ausgleich im stabilen sozialen Umfeld oder indem sie sich nach dem Tod eines Patienten für eine gewisse Zeit zurückziehen, wie eine Krankenschwester berichtet: „Ich brauche meine Ruhe [...]. Ich merke das irgendwie vom Körper her [...]. Das ist nicht wie nach dem schweren Dienst, wo wirklich viel zu tun war. Sondern [...] das belastet einen und nimmt einem auch die Kraft.“  
 
Hilfreich bei der Verarbeitung von Todeserfahrungen ist darüber hinaus für viele Pflegekräfte das Gefühl, „einen Patienten in seiner Sterbephase gut begleitet zu haben“. Andere lassen einfach ihren Emotionen freien Lauf. „Ein bisschen muss ich es in mich rein lassen“, so eine Pflegekraft, „Wenn ich es ganz von mir abblocke, dann fühl ich nichts mehr. Ich muss [...] Traurigkeit für mich zulassen für diese Zeit.“ Gerade wenn Patienten lange leiden mussten, betrachten Pflegekräfte den Tod eines Patienten oft als Erlösung.
 

Quellen und weitere Informationen

  • Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit (Hrsg.): Projekt „24 Stunden Pflege“, Ein Bericht über beruflich Pflegende; Erfurt 2005  http://www.thueringen.de/de/publikationen/pic/pubdownload676.pdf
  • Halfpap, Nicole: Wenn Patienten sterben – Umgang mit Tod und Trauer bei Krankenpflegekräften, Eine qualitative Studie durchgeführt am Universitätsklinikum Freiburg i. Br.; Freiburg i. Br. 2009 http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/6896/
  • Schroeter Klaus R., Rosenthal Thomas (Hrsg.): Soziologie der Pflege: Grundlagen, Wissensbestände und Perspektiven; Weinheim und München 2005

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