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09.02.2017

Das eigene Auto – der mobile Schlüssel zum selbstbestimmten Leben mit Behinderung

Gerne gemeinsam unterwegs. Jan und Marco aus seinem GIP-Team. Foto: Jan
Gerne gemeinsam unterwegs. Jan und Marco aus seinem GIP-Team. Foto: Jan
Dank spezieller Umrüstungen kann Jan sein Fahrzeug selbst führen. Foto: Jan
Dank spezieller Umrüstungen kann Jan sein Fahrzeug selbst führen. Foto: Jan
Jan sitzt gerne hinterm Steuer. Foto: Jan
Jan sitzt gerne hinterm Steuer. Foto: Jan

Jan ist 33. Seit einem schweren Badeunfall ist er querschnittgelähmt und tracheotomiert. Er lebt in Leipzig, sitzt im Rollstuhl und wird rund um die Uhr von einem GIP-Pflegeteam betreut. Trotz seiner gesundheitlichen Einschränkungen ist er stolz auf sein eigenes Leben. Er wohnt in einer eigenen Wohnung und ist im Alltag viel in seiner Heimatstadt unterwegs – sein eigener PKW macht es möglich.

 

Jan fährt einen VW, mag als bekennender Autofan aber durchaus auch schnellere Wagen. Ein Blick auf sein Profil in einem großen sozialen Netzwerk zeigt, für welche getunten, PS-starken Modelle sein Autofahrerherz schlägt. Das Unterwegssein im eigenen Wagen gehört für Jan zu einem unabhängigen und selbstbestimmten Leben dazu. Vieles geht einfacher und schneller mit dem eigenen Fahrzeug. Gleichzeitig kommt er so überall hin und kann an Barrieren, die für andere Rollstuhlfahrer ein großes Ärgernis darstellen, ganz locker vorbeifahren. Schwierigkeiten gibt es nur, wenn wieder einmal alle Behindertenparkplätze belegt sind.  

 

Das Führen eines eigenen Fahrzeugs bedeutet für Jan, genauso wie für viele andere Menschen mit Behinderung, ein kostbares Mehr an Freiheit, Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Um trotz Handicap einen Führerschein neu erwerben oder einen vor dem Eintreten der Behinderung erlangten Führerschein weiter nutzen zu können, müssen allerdings verschiedene Gutachten und Nachweise erbracht werden. Dazu gehören je nach Art der Behinderung ein ärztliches sowie ein medizinisch-psychologisches Gutachten, das Eignungsgutachten eines Sachverständigen zum Führen eines Kraftfahrzeuges, ein Gutachten nach § 11 Fahrerlaubnisverordnung (FeV) mit Fokus auf die Technik und nötige Fahrzeugänderungen sowie eine Fahrprobe. 

  • Ob eine Mensch mit Handicap seine Fahrerlaubnis absolvieren oder seinen Führerschein wiedererlangen kann, das entscheidet letztlich die zuständige Behörde – konkret die Führerscheinstelle. Dazu nimmt sie die vorgelegten Gutachten genau unter die Lupe und bestimmt, ob und welche Auflagen oder Einschränkungen mit der Fahrerlaubnis verbunden sind. Nur bei nachgewiesener Nichteignung kann die Behörde eine Fahrerlaubnis verweigern. 

  • Fahren mit Behinderung – das sagt die StVZO

    Die Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) regelt, dass Fahrzeugführer, deren Fähigkeiten eingeschränkt sind, Vorsorge treffen müssen, dass sie andere Verkehrsteilnehmer nicht gefährden. Dabei obliege die Vorsorge dem Betroffenen selbst. 

Genauso war es auch bei Jan. Er hatte bereits vor seinem Unfall einen Führerschein, musste allerdings nach seinem Badeunfall Nachweise erbringen und Gutachten vorlegen, dass er auch mit Querschnittlähmung weiter Autofahren kann und fahrtauglich ist. Dann konnte er wieder losfahren. 

  • Kostenträger

    Beachten Sie bitte, dass Kostenträger wie Krankenkassen oder das Arbeitsamt Zuschüsse nur für Fahrzeugumrüstungen gewähren, die aufgrund einer Begutachtung im Führerschein als erforderlich eingetragen sind. Andere Hilfsmittel müssen die Betroffenen selber zahlen.

  • Das eigene Fahrzeug umrüsten

    Um als Mensch mit Behinderung ein Fahrzeug führen zu können, sind in der Regel etliche Umrüstungen am Wagen notwendig – so auch bei Jan. Damit er selbst fahren konnte, musste im Auto eine ganze Menge umgebaut werden. Die Liste der speziellen Umrüstungen ist lang und reicht vom Handbediengerät für Gas und Bremse über einen Griffknauf, der als Lenkhilfe ans Lenkrad montiert wurde, bis hin zu einem Kassettenlift sowie einer Rollstuhl-Transportsicherung und einer 6-Wege-Fahrersitzverstellung. Die Umrüstungen können von spezialisierten Dienstleistern vorgenommen werden, wie die Warmuth Mobile GmbH in Zeulenroda-Triebes im Fall von Jan. 

Behindertengerecht: Jans Fahrzeug verfügt über diverse Umrüstungen. Foto: Jan
Behindertengerecht: Jans Fahrzeug verfügt über diverse Umrüstungen. Foto: Jan

Welche Umbauten jeweils im Einzelfall nötig sind, das ermitteln Sachverständige z. B. vom TÜV oder der DEKRA. Die Experten legen in ihrem Gutachten genau fest, welche technischen Hilfsmittel benötigt werden, damit das Fahrzeug bestmöglich vom Betroffenen genutzt werden kann. Nach Durchführung der Umbauten erfolgt eine erneute Begutachtung. Wurden alle technischen Anpassungen fachgerecht vorgenommen, geben die Sachverständigen grünes Licht und eine gültige Betriebserlaubnis für das umgebaute Fahrzeug.   

Alles im Griff – behindertengerechte Systeme für das eigene Fahrzeug im Überblick

Um Menschen mit Behinderung eine bestmögliche Nutzung des eigenen Autos zu ermöglichen, gibt es mittlerweile eine Vielzahl behindertengerechter Umrüstsysteme für fast alle gängigen Fahrzeugtypen und Fabrikate. Sie werden von spezialisierten PKW-Firmen ins eigene Fahrzeug eingebaut. Wir nennen Ihnen die wichtigsten Systeme:

  • Handbediengeräte für die kombinierte Bedienung von Gas- und Bremspedal per Hand
  • Fußbediengeräte
  • Einstiegshilfen
  • Lenkhilfen in Form eines Griffknaufs am Lenkrad, die ein sichereres Steuern ermöglichen
  • Aufstehhilfen
  • Rollstuhlverladesysteme, die es ermöglichen, den eigenen Rollstuhl ohne viel Kraftaufwand einzuladen und mitzunehmen
  • Rollstuhlhebebühnen
  • Liftsysteme
  • Heckausschnitt und Heckabsenkung

Alle Umbauten am Kraftfahrzeug müssen, bevor es losgehen kann, von einem Sachverständigen abgenommen und im Fahrzeugbrief/-schein vermerkt werden. Empfehlenswert ist zudem mit Blick auf die Kostenträger eine Begutachtung verbunden mit einem Eintrag in den Führerschein.

Alles im Griff: So kann Jan auch mit Querschnittlähmung selbständig fahren. Foto: Jan
Alles im Griff: So kann Jan auch mit Querschnittlähmung selbständig fahren. Foto: Jan

Im Falle eines Unfalles

Ein Moment der Unachtsamkeit und schon kracht es. Ist ein Autofahrer mit Behinderung in einen Unfall verwickelt, muss er – unabhängig von der Schuldfrage – häufig nachweisen, dass:

  • einerseits das umgebaute Fahrzeug sicher ist 
  • und er anderseits das Auto ohne Gefährdung anderer führen kann. 

Mit einem freiwilligen Gutachten und dem damit verbundenen Eintrag in den Führerschein ist er hier auf der sicheren Seite, so dass die Beweispflicht bei der Gegenseite liegt und diese beweisen muss, dass der Fahrer mit Behinderung trotz umgerüsteten PKW nicht sicher fahren konnte. Wird einer Behörde eine Behinderung z. B. nach einer Polizeikontrolle oder einem Unfall bekannt, kann sie in jedem Fall eine Begutachtung anordnen. 

 

Die unangenehme Erfahrung eines Verkehrsunfalls musste Jan bisher glücklicherweise nicht sammeln. Trotz Querschnittlähmung und Intensivpflegebedürftigkeit gab es unterwegs im Auto bisher keinerlei Probleme oder schwierige Situationen. Und auch die Pflegekräfte aus seinem GIP-Team vertrauen ihm am Steuer. Herrschte anfangs noch etwas Skepsis gegenüber seinen Fahrkünsten, sind sie mittlerweile gerne mit Jan unterwegs und haben ein gutes Gefühl mit ihm auf dem Fahrersitz. Gibt es doch einmal etwas anzumerken, hat Jan für seine Pflegekräfte immer ein offenes Ohr. 

Freiwillige Begutachtung – so geht es

1. Um eine freiwillige Begutachtung vornehmen zu lassen, sollten Sie sich direkt an Ihren behandelnden Arzt werden.

2. Dieser stellt Ihnen ein entsprechendes Gutachten aus, dass Sie anschließend einem frei gewählten Sachverständigen vorlegen sollten.

3. Als nächstes legen Sie das Gutachten Ihrer zuständigen Führerscheinstelle vor, die den Eintrag in Ihren Führerschein vornimmt.

Mit dem eigenen Fahrzeug zurück ins Leben und zum Beruf

Dann kann es ja losgehen: Jan nutzt seinen VW intensiv im Alltag. Foto: Jan
Dann kann es ja losgehen: Jan nutzt seinen VW intensiv im Alltag. Foto: Jan

Wie unzählige andere Menschen mit und ohne Behinderung nutzt Jan sein Auto regelmäßig für alles, wofür man ein Auto heutzutage im Alltag ebenso braucht. Er besucht Freunde, fährt in den Urlaub, erledigt Einkäufe oder düst mal eben zur nächsten Therapie. Der eigene PKW macht dem Leipziger das Leben mit Querschnittlähmung in vielen Situationen erheblich leichter und manche Wege überhaupt erst möglich. Finanziell unterhalten muss Jan sein Fahrzeug dabei selbst. Das ist der Preis der Unabhängigkeit, aber er lohnt sich. 

 

Wer als Mensch mit Handicap sein Fahrzeug nicht nur in der Freizeit, sondern auch für den täglichen Weg zur Arbeit nutzt, der kann zusätzliche Hilfen beantragen. Kranke oder behinderte Menschen, die ein eigenes Fahrzeug benötigen, um den Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu erreichen, können nach § 20 SchwbAV (Schwerbehinderten-Ausgleichsabgabeverordnung) Kraftfahrzeughilfen erhalten – so die Regelung. 

  • Einen täglichen Weg zur Arbeit hat Jan aktuell nicht, eine Berufsausbildung schon und auch eine mögliche Perspektive für den Wiedereinstieg. Die freie Fahrt auf seinem Weg zurück ins Leben geht für ihn also weiter – irgendwann vielleicht auch in seinem Traumauto, einem BMW.  

  • Autofahren und Behinderung – hier finden Sie weitere Informationen

    Mobilität spielt für Menschen mit Behinderung eine sehr wichtige Rolle. Dabei müssen sie allerdings einige besondere Regeln beachten. Welche, das erläutert motor-talk.de in einem ausführlichen Ratgeber zum Thema Autofahren mit Handicap: www.motor-talk.de/autofahren-mit-handicap

Quellen:

 

 

You can find this page under: http://www.gip-intensivpflege.de/en/autofahrenmitbehinderung/© GIP Gesellschaft für medizinische Intensivpflege mbH 2011