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03.12.2013

Sport kennt keine Grenzen – Immer mehr Menschen mit Handicap entdecken den Behindertensport für sich

Intensivpflegebedürftigkeit und Sport, passt das zusammen? Diese Frage lässt sich wie so oft nicht pauschal beantworten. Das jedoch auch intensivpflegebedürftige Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten sportlich aktiv werden können, beweist eindrucksvoll der Erlebnisbericht über einen Fallschirmsprung in der aktuellen Ausgabe unseres GIP-Magazins sowie hier auf GIP-Online. Er ist querschnittgelähmt und unternahm trotzdem in diesem Sommer den ersten Fallschirmsprung seines Lebens. Wie Nico entdecken immer mehr Menschen mit Behinderung die Möglichkeiten und Chancen des Sports für sich – ob als Aktive oder Fans. All diese Menschen verbindet der positive Umgang mit ihrem Handicap, die Freude an neuen, sportlichen Herausforderungen und der Wille, das eigene Leben aktiv zu gestalten. 

Kampagne für den Behindertensport vom Deutscher Behindertensportverband e. V.

Mit Sport zurück ins Leben

Ob Rollstuhlrugby oder Handbike-Fahren, Rollstuhltanz oder Skilaufen, Gehörlosensport oder Blindenfußball – Menschen mit Behinderung haben in Deutschland viele Möglichkeiten, ihrem Leben durch Sport Erfüllung und Sinn zu verleihen. Und immer mehr Menschen mit Handicap nutzen diese Chance. Für viele ist Sport zu einem wichtigen Teil des eigenen Lebens geworden. Sportliche Aktivitäten helfen ihnen dabei, persönliche Grenzen zu überwinden, das eigene Selbstvertrauen zu stärken sowie die eigene Entwicklung positiv zu beeinflussen. Sport ist Prävention, Rehabilitation, Lebensfreunde und Teilhabe.

Gerade der sozialen Komponente kommt eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Denn Sport hat eine starke, integrative Kraft. Spürbar und erlebbar wird sie, wenn behinderte und nichtbehinderte Menschen sich zusammen bewegen oder ihren Favoriten die Daumen drücken, Siegen entgegenfiebern oder schmerzliche Niederlagen ertragen müssen. In diesen Momenten wird Sport zur Kontaktbörse und bringt die Menschen zusammen.

Im Wissen um diese integrative Kraft gilt Sport mittlerweile als wichtiger Bestandteil einer Gesellschaft auf dem Weg zur Inklusion, in der Menschen mit und ohne Behinderung gleichberechtigt Sport treiben und ihre Freizeit gemeinsam aktiv gestalten.

Natürlich müssen auch immer wieder Hürden überwunden werden – im Sport sowie in den Köpfen gleichermaßen. Dem Trend zum Sport von Menschen mit Behinderung tut dies jedoch keinen Abbruch.

  • Paralympics – Weltweiter Impulsgeber für den Behindertensport

    Das mediale und gesellschaftliche Interesse am Behindertensport wächst und wächst. Eine zentrale Rolle spielen hier internationale Sportevents, allen voran die Paralympics. Die letzten Paralympics 2012 in London begeisterten mit 4.200 Teilnehmern und 150 Weltrekorden Millionen Menschen rund um den Globus. Sie förderten die Popularität des Behindertensports bei behinderten und nichtbehinderten Menschen gleichermaßen – auch in Deutschland.

Und das völlig zu recht, denn deutsche Athleten sind in zahlreichen Behindertensportarten international ganz vorne mit dabei. Entsprechend selbstverständlich ist es mittlerweile, dass Auszeichnungen wie „Sportler(in) des Monats“ oder „Champion des Jahres“ auch an Athleten mit Handicap gehen – Gleichberechtigung und Augenhöhe von behinderten und nichtbehinderten Sportlern nicht nur auf dem Sportplatz, sondern auch bei den Ehrungen.

Sport bewegt, Sport bringt zusammen - Behindertensport in Deutschland

Die GIP unterstützt den Rollstuhlrugby-Bundesligisten Berlin Raptors.

Nach Ansicht des Sozialverbandes Deutschland (SoVD), einem der ältesten und größten Behindertenverbände in unserem Land, spielt Sport eine Schlüsselrolle bei der Verwirklichung von Teilhabe und Gleichstellung behinderter Menschen in unserer Gesellschaft. „Denn zweifellos kann der Sport Grenzen überwinden und Teamgeist schaffen“, so Benedikt Dederichs vom SoVD.

Mit dieser Position ist der Sozialverband nicht allein. Auch Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, sieht das so: „Sport soll für Menschen mit Behinderung so selbstverständlich werden, wie für nichtbehinderte Menschen.“ Er verknüpft dieses Ziel mit konkreten Forderungen: „Dazu muss, ganz im Sinne der Inklusion, nicht der behinderte Mensch in weit abgelegene barrierefreie Sportstätten gebracht werden, sondern jede und jeder soll dort Sport machen können, wo er oder sie lebt.“ Sport solle so zum gemeinsamen Sporttreiben von behinderten und nichtbehinderten Menschen werden, wo immer er möglich ist – egal ob Leistungs-, Breiten- oder Rehabilitationssport.

Deutschland macht hier kontinuierlich Fortschritte. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) als Dachverband für den Sport von Menschen mit Behinderungen ist mittlerweile der größte Behindertensportverband der Welt. Er wächst weiter, denn viele Sportarten innerhalb des deutschen Behindertensports entwickeln sich nach wie vor schnell. Allein der Deutsche Rollstuhl Sportverband bietet mittlerweile 26 Rollstuhlsportarten an. Insgesamt sind laut DBS aktuell über 410.000 Menschen mit Behinderung in über 4.700 Vereinen sportlich aktiv. Wichtiger Aspekt beim Sport für Menschen mit Behinderungen ist dabei die ärztliche Betreuung, um eine bestmögliche Stärkung und Erhaltung der Leistungsfähigkeit des Sportlers zu ermöglichen.

  • Rechtsanspruch auf Sport – Rehabilitationssport

    Rehabilitationssport ist eine wichtige Ergänzung zur medizinischen Rehabilitation und kann sowohl Alltagsbeschwerden vermindern als auch krankheitsbedingten Folgeschäden entgegenwirken.

  • Behindertensportvereine in Deutschland

    Einen Überblick über Sportvereine in den verschiedenen Bundesländern finden Sie hier: http://www.info-behindertensport.de/regional.html

Wie wichtig Reha-Sport für betroffene Menschen ist, macht der RehaSport Deutschland e. V. deutlich: „Sport, Training, Bewegung: Die positiven Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele bestreitet niemand. Unser Ziel ist es, alle Menschen, insbesondere mit Funktions-, Belastungs- und Aktivitätseinschränkungen, zum langfristigen und eigenverantwortlichen Sporttreiben zu motivieren.“

Ein Aspekt rehasportlicher Aktivitäten der immer mehr in den Vordergrund rückt, ist die soziale und psychische Stabilisierung von erkrankten und behinderten Menschen. Entsprechend gehört Reha-Sport heute zur Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung als Teil der Sozialhilfe. Mehr noch, Menschen mit Behinderung sowie chronisch kranke Menschen haben in Deutschland einen Rechtsanspruch auf Rehabilitationssport. Dieser Anspruch wird im Neunten Buch Sozialgesetzbuch (SGB IX) festgelegt, das die Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen regelt. Nach SGB IX können Leistungen zur medizinischen Rehabilitation u. a. ergänzt werden durch ärztlich verordneten Rehabilitationssport bzw. ärztlich verordnetes Funktionstraining in Gruppen. Mit einer vom Kostenträger genehmigten ärztlichen Verordnung werden die Kosten für Reha-Sport oder Funktionstraining übernommen. Ziel von Rehabilitationssport wie Gymnastik, Leichtathletik, Schwimmen oder Übungen in Gruppen sind Stärkung von Kraft und Ausdauer, Verbesserung von Flexibilität und Koordination, Stärkung des Selbstbewusstseins sowie Hilfe zur Selbsthilfe. Der Erfolg des Reha-Sports hängt hierbei wesentlich davon ab, ob der Lebenshintergrund sowie individuelle Einschränkungen eines erkrankten Menschen beachtet werden. Nur dann kann der Krankheitsverlauf positiv beeinflusst und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden.

Nicht nur die Gesellschaft ist gefragt - Eigene Barrieren im Kopf überwinden

Jenseits der äußeren Rahmenbedingungen für den Behindertensport in Deutschland spielen psychologische Faktoren beim einzelnen Menschen mit Behinderung eine wesentliche Rolle, um selbst als Sportler aktiv zu werden. Die Forscher Rainer Schliermann und Ingo Froböse sowie Judith Behr haben diese Faktoren bei Leistungssportlern mit Behinderung untersucht.

Als mentale Leistungsvoraussetzungen ermittelten sie im Rahmen ihrer Forschungen vier Bereiche, die eine Rolle spielen.

Mentale Leistungsvorraussetzungen für den Sport, nach Forschungsergebnissen von Rainer Schliermann und Ingo Froböse sowie Judith Behr.

Wie wichtig allein das positive Bild vom eigenen Körper für die Leistung und Anerkennung eines behinderten Sportlers ist, weiß auch der querschnittgelähmte Radprofi Michael Teuber, einer der erfolgreichsten Behindertensportler Deutschlands: „Ich bemitleide mich nicht selbst, sondern sage: Halb so wild. Mein Gegenüber weiß in der Regel, dass ich ein Handicap habe. Aber er spürt auch sehr schnell, dass ich sehr leistungsfähig bin, vielleicht leistungsfähiger als er selbst. Und das ist sicher ein Grund dafür, dass die Menschen mir gegenüber mit hohem Respekt gegenübertreten und nicht mit Mitleid.“

Deutscher Behindertensport – es besteht weiter Handlungsbedarf

Trotz positiver Trends sieht Hubert Hüppe beim Behindertensport in Deutschland weiteren Handlungs- und Förderungsbedarf. In seiner Bilanz zur 17. Legislaturperiode heißt es: "Menschen mit Behinderungen müssen an Freizeitaktivitäten, etwas im Bereich Kultur und Sport gleichberechtigt teilhaben können. Gemeinsame Sportveranstaltungen von Menschen mit und ohne Behinderungen sind verstärkt zu fördern."

 

Schließlich ist in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention geltendes Recht. Dort heißt es im Artikel 30, es müssten geeignete Maßnahmen getroffen werden, um Menschen mit Behinderungen die gleichberechtigte Teilnahme an Sportaktivitäten zu ermöglichen. Dazu gehören vor allem barrierefreie Sportstätten und Stadien. Entsprechend wurden bereits eine Vielzahl von Einrichtungen weitestgehend barrierefrei zugänglich gemacht.

 

Menschen mit und ohne Handicap können so als Zuschauer oder Aktive an immer mehr Sportangeboten und -events gemeinsam teilnehmen. 

Ein Blick voraus – Sport als „Motor der Inklusion“

Die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention im Bereich Sport kann nach Ansicht von Dr. Thomas Schneider vom Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe (BeB) unser Verhältnis zum selbigen grundlegend verändern. Denn die Umsetzung der Konvention wirft eine Reihe sportlicher Fragen auf. Was ist guter Sport? Was macht Leistung und Erfolg im Sport aus? Müssen diese Kategorien künftig gar neu bewertet werden? Gleichzeitig liefert die Umsetzung Impulse für die Entwicklung neuer Sportarten im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention. Schließlich bedeute Inklusion, so Schneider, Menschen nicht hinsichtlich ihrer Defizite, sondern hinsichtlich ihrer Potenziale wahrzunehmen. Menschen mit Behinderung sollten nicht länger als Objekte der Fürsorge betrachtet werden, sondern als selbstbestimmte Menschen mit Bürgerrechten. In diesem Sinne könne Sport eine Vorbild- und Vorreiter-Funktion übernehmen und zum „Motor der Inklusion“ werden.

Deutschland ist hier auf dem richtigen Weg. Das meint auch Radsportler Michael Teuber. Der Umgang von Menschen mit und ohne Behinderung habe sich seiner Ansicht nach in den letzten Jahren in Deutschland enorm entspannt. "Da hat sich aus verschiedenen Richtungen etwas entwickelt: mehr Akzeptanz, mehr Integration, mehr Verständnis und ein viel größeres Miteinander."

Behinderte und nichtbehinderte Menschen sind auf diesem Weg zur Inklusion gleichermaßen gefordert, ist Teuber überzeugt: „Zumindest muss sich der Behinderte eben auch ändern und offener werden. Mir ist aufgefallen: Sobald sich ein Mensch nur noch mit sich selbst beschäftigt, muss man sich zwangsläufig von ihm abwenden, weil man irgendwann nichts mehr davon hören will.“ Inklusion ist nur möglich, wenn alle mitmachen. Sport kann hier erfolgreich Brücken bauen.

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