Main Content

21.11.2012

Der knappe Faktor Arbeit: Fachkräftemangel in der Pflege - ein Beitrag von GIP-Geschäftsführer Marcus Carrasco-Thiatmar

Das Thema Pflege gewinnt aufgrund der demografischen Entwicklung und des medizinischen Fortschrittes in unserer Gesellschaft immer mehr an Bedeutung. Doch Pflege ist personalintensiv – das Angebot an qualifizierten Pflegekräften schon heute knapp.

Seit geraumer Zeit wird in Politik und Wirtschaft über das Angebot und den Bedarf an Fach-, aber auch Hilfskräften in der Pflege diskutiert. Der Begriff des Pflegenotstandes ist in aller Munde. Als mögliche Lösungen für das wachsende Problem des Fachkräftemangels werden verschiedene Optionen aufgezeigt – es gelte die gesellschaftliche Anerkennung von sozialen Berufen zu stärken, den Pflegeberuf durch Akademisierung attraktiver für den Nachwuchs zu gestalten und ihn besser zu vergüten, so der gängige Tenor. Ansätze, die zum Teil zweifelsfrei ihre Berechtigung haben, obgleich fraglich ist, dass sie das eigentliche Problem aufgreifen und somit lösen können.

Alternde Gesellschaft

Fakt ist, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die durch Alterung auf der einen Seite und medizinischen Fortschritt auf der anderen Seite geprägt ist. Das Altern der heute stark vertretenen mittleren Jahrgänge wird künftig zu gravierenden Verschiebungen in der Altersstruktur führen. Waren im Jahr 2008 noch rund 19 % der deutschen Bevölkerung Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 20 Jahren, 21 % zwischen 20 und 65 Jahren alt und lediglich 20 % der Gesamtbevölkerung 65 Jahre und älter, wird sich das Blatt zukünftig wenden. Im Jahr 2060 wird bereits jeder dritte Deutsche 65 Jahre oder älter sein – eine Steigerung um rund 14 %. Es werden doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden. Der Weg dorthin ist bereits beschritten.

Die Alterung unserer Gesellschaft schlägt sich insbesondere bei den Hochbetagten nieder. Lebten im Jahr 2008 etwa 4 Millionen 80-Jährige und Ältere in Deutschland, wird deren Anteil an der Gesamtbevölkerung bis zum Jahr 2050 voraussichtlich um 150 % auf über 10 Millionen steigen, um dann bis zum Jahr 2060 aufgrund der schrumpfenden Gesamtbevölkerung wieder leicht zurückzugehen. Im Gegenzug dazu wird sich zum Beispiel allein der Anteil der 20-Jährigen an der Gesamtbevölkerung bis zum Jahr 2060 gegenüber 2008 halbieren.

Unsere Gesellschaft altert und wird immer älter. Seit über 130 Jahren steigt die Lebenserwartung in Deutschland kontinuierlich an. Hauptursächlich für diesen Trend sind eine fortschrittliche medizinische und pflegerische Versorgung sowie positive Entwicklungen in den Bereichen Hygiene und Ernährung. Hinzu kommen verbesserte Wohn- und Arbeitsbedingungen sowie ein gestiegener materieller Wohlstand.  

 

Sinkendes und alterndes Erwerbspotenzial

Besonders betroffen von der demografischen Entwicklung Deutschlands, geprägt durch Alterung und Schrumpfung, ist der Anteil der potenziell Erwerbstätigen. Waren im Jahr 2008 noch rund 50 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter (zwischen 20 und 65 Jahre alt), wird deren Zahl bis zum Jahr 2060 um -34 % gegenüber 2008 sinken und damit auf rund 33 Millionen zurückgehen. Bereits bis 2024 wird ein Rückgang von -10 % erwartet.  

Hinzu kommt, dass die Abnahme des Erwerbspotenzials entsprechend der Bevölkerungsentwicklung mit einer Alterung der Erwerbsfähigen einhergeht. Zahlenmäßig wird die Gruppe der erwerbsfähigen 20- bis unter 30-Jährigen – heute etwa 9,9 Millionen Menschen – auf etwa 6 bis 7 Millionen schrumpfen, wobei ihr Anteil (rund 20 %) am gesamten Erwerbspotenzial nahezu konstant bleibt. Anders wird es bei den über 30 Jährigen aussehen. Bereits zwischen 2017 und 2024 wird das Erwerbspotenzial in Deutschland jeweils zu 40 % aus den 30- bis unter 50-Jährigen und aus den 50- bis unter 65-Jährigen bestehen. Das Erwerbspersonenpotenzial der Zukunft wird also nicht nur stetig sinken, sondern zu einem erheblichen Teil aus Menschen bestehen, die älter als 50 Jahre sind.  

Auswirkungen auf den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt

Der kontinuierliche Rückgang der Bevölkerung, vor allem aber der fehlende Nachwuchs sowie das folglich sinkende Erwerbspotenzial in der Gruppe der 20- bis unter 30-Jährigen hinterlässt bereits heute nicht nur Spuren auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch auf dem Ausbildungsmarkt. Die Bewerberzahlen für Berufsausbildungsstellen (Stand: September 2011) sind in den letzten zwei Jahren um -13.699 auf 538.245 gesunken, die gemeldeten Berufsausbildungsstellen hingegen um 36.036 Stellen auf 519.555 gestiegen. Die Verhältnisse auf dem Ausbildungsmarkt haben sich gedreht – positiv für die Bewerber, aber nicht für Unternehmen. Diese müssen bei der Suche nach Nachwuchs zukünftig mit Problemen rechnen.

Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Pflegebranche

Während die demografische Entwicklung auf dem Gesamtarbeitsmarkt spürbar ist, hat sie die Pflegebranche bereits überrollt. Schon heute fehlen nach Schätzungen in Deutschland rund 50.000 Pflegekräfte (bei rund 890.000 Beschäftigten gesamt, Stand 2009) – eine Situation, die sich mittel- und langfristig verschärfen wird. Die Verschiebungen in der Altersstruktur unserer Gesellschaft bewirken, dass der Bevölkerung im Erwerbsalter, welche selbst stark altert, künftig immer mehr Seniorinnen und Senioren gegenüberstehen werden. Die medizinische Versorgung im Allgemeinen wird stetig verbessert. Verzeichnen wir in Deutschland bereits heute etwa 2,37 Millionen Pflegebedürftige (Stand 2009), wird die Zahl voraussichtlich auf 3,4 Millionen im Jahr 2030 bzw. 4,5 Millionen im Jahr 2050 steigen. Das Angebot an Beschäftigten hingegen wird stetig sinken. Im langfristigen Zeitvergleich zeigt sich außerdem ein Trend hin zur professionellen Pflege in Pflegeheimen und durch ambulante Pflegedienste, was die Situation auf dem qualifizierten Arbeitsmarkt zusätzlich belastet. 

  • Ein Blick in die Praxis

    Pflege muss gegenwärtig und auch in Zukunft überwiegend von qualifizierten Fachkräften geleistet werden. Werden die Berufsabschlüsse des in Deutschland eingesetzten Pflegepersonals betrachtet, so wird deutlich, dass dies schon heute kaum mehr möglich ist. Es wird zum Teil fachfremdes Personal eingesetzt, um den Bedarf auch nur annähernd decken zu können.  

    Gesundheitsdienstleister, denen der Einsatz von nicht-qualifiziertem Personal gar nicht möglich ist, stoßen entsprechend noch schneller an ihre Grenzen als andere. Beispielhaft hierfür sind Dienstleister in der ambulanten Intensivpflege wie GIP und Pro Vita. Als spezialisierte Dienstleister für die Langzeitpflege von intensivpflegebedürftigen und beatmungspflichtigen Menschen ist für beide Unternehmen der Einsatz von Pflegehilfskräften jenseits von betreuten Wohngemeinschaften nahezu undenkbar. Die ambulante Einzelbetreuung (1:1 Bezugspflege), die innerhalb eines festen, ausschließlich aus examinierten Fachkräften bestehenden Mitarbeiterteams realisiert wird, ist allerdings sehr personalintensiv: Bei einer 24-Stunden-Versorgung kommen auf eine Klientenversorgung rund fünf examinierte Pflegekräfte in Vollzeit.

    Die Nachfrage nach ambulanten Intensivversorgungen ist aufgrund des medizinischen Fortschrittes und moderner Medizintechnologien stetig wachsend, sodass allein die GIP in den vergangenen zehn Jahren eine Steigerung ihres Patientenanfragevolumens um rund 806 % verzeichnen konnte. Damit steht das Unternehmen vor einem andauernd wachsenden Personalbedarf, dem gemäß des Angebots an qualifizierten Fachkräften auf dem deutschen Arbeitsmarkt kaum entsprochen werden kann. Patienten und deren Angehörige müssen in bestimmten Regionen zum Teil mehrmonatige Wartezeiten auf sich nehmen, um „nach Hause zu kommen“.

  • Pflegereport 2030

    Grafik Versorgungslücke im Jahr 2030 im Vergleich zu den Vollzeitkräften in der Pflege im Jahr 2009. Quelle: Bertelsmann Stiftung

    2030 werden etwa eine halbe Million Vollzeitstellen in der Pflege unbesetzt bleiben. Zu dieser Prognose kommt die Bertelsmann-Stiftung in ihrem neuen „Pflegereport 2030“. Die einzelnen Bundesländer müssten allerdings mit einem unterschiedlichen Pflegenotstand rechnen.

     

    Der „Pflegereport 2030“ als PDF zum Download und Nachlesen: www.bertelsmann-stiftung.de

Lösungsansätze für den Fachkräftemangel

GIP und Pro Vita stellen sich, wie andere Unternehmen der Branche, also stetig die Frage: Wie können wir dem Fachkräftemangel begegnen? Natürlich muss die gesellschaftliche Anerkennung von Pflegeberufen gefördert werden. Auch muss der Beruf fair vergütet werden und damit nicht nur gesellschaftliche, sondern finanzielle Anerkennung erhalten. Doch sind etwaige Maßnahmen hinsichtlich des vorrangig durch unsere gesellschaftliche Entwicklung bedingten Pflegenotstands nicht Tropfen auf den heißen Stein? Werden sie das Problem lösen? Und sind Forderungen, die Pflege durch eine Schaffung von Aufstiegschancen oder Akademisierung attraktiver zu gestalten, bedarfsgerecht? Besteht der Mehrbedarf an qualifizierten Pflegekräften nicht schwerpunktmäßig am Bett des Patienten, anstelle von Verwaltungs-, Führungs- oder Forschungspositionen? Sollte die Versorgung eines Patienten zur Übergangsstation auf der Karriereleiter werden?

Öffnung des deutschen Pflegemarktes

Anstatt sich mühevoll an Strohhalme zu klammern, sollte die Pflegebranche, wie andere Branchen auch, den Tatsachen ins Gesicht sehen und über den Tellerrand schauen. Es gilt über Grenzen hinweg zu denken. Der flächendeckende Fachkräftemangel wird zukünftig nur durch Zuwanderung ausländischer Fachkräfte gemildert werden können. Hierfür müssen Räume, Strukturen und gesellschaftliche Akzeptanz geschaffen werden.

Vor allem im europäischen Ausland gibt es Potential an gut ausgebildeten Fachkräften und in krisenbehafteten südeuropäischen Ländern wie etwa Spanien und Griechenland durchaus auswanderungswillige Arbeitnehmer. Doch sollten wir uns zukünftig nicht nur auf jene konzentrieren, sondern auch auf außereuropäische Flächenländer mit hohen Ausbildungsstandards. Nur so kann dem flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland entgegengewirkt werden. Hierbei gilt es viele wichtige Fragen zu beantworten: Wie lässt sich die Pflege in Deutschland zukünftig für Migranten attraktiv gestalten? Wie muss eine adäquate Pflegeausbildung aussehen, damit sie europa- oder sogar weltweit anerkannt werden kann und Fachkräfte ohne Schwierigkeiten ihre Arbeitskraft in verschiedenen Ländern anbieten können? Wie können ausländische Pflegekräfte bestmöglich und schnell an die deutsche Sprache und Kultur herangeführt werden und wie unsere Gesellschaft dafür sensibilisiert werden, ausländische Hilfe wohlwollend und anerkennend anzunehmen? Von der erfolgreichen Beantwortung dieser Fragen wird das Ausmaß des zukünftigen Fachkräftemangels abhängen.

Marcus Carrasco-Thiatmar
Geschäftsführer

Quellen und mehr Informationen

Afentakis, Anja; Maier, Tobias (2010): Projektionen des Personalbedarfs und -angebots in Pflegeberufen bis 2025. In: Statistisches Bundesamt  (Hrsg.) (2010): Wirtschaft und Statistik, Ausg. 11/2010. Wiesbaden. S. 990-1001

Statistisches Bundesamt, Gruppe ID, Pressestelle, Gruppe VIA, „Demografische Modellrechnungen“ (Hrsg.) (2009): Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 18. November 2009 in Berlin. Wiesbaden

 

Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2001): Pflegestatistik 1999. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse. Bonn

Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2003): Pflegestatistik 2001. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse. Bonn

Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2005): Pflegestatistik 2003. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse. Bonn

Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2007): Pflegestatistik 2005. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse. Wiesbaden

Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2008): Pflegestatistik 2007. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse. Wiesbaden

Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2011): Pflegestatistik 2009. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse. Wiesbaden

 

Statistik der Bundesagentur für Arbeit; Stand 27.03.2012, http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Themen/Ausbildungsstellenmarkt/Ausbildungsstellenmarkt-Nav.html, Zugriff am 07.09.2012

You can find this page under: http://www.gip-intensivpflege.de/en/dein-pflegejob/pflegejob-news/der-knappe-faktor-arbeit-fachkraeftemangel-in-der-pflege-ein-beitrag-von-gip-geschaeftsfuehrer-marcus-carrasco-thiatmar/© GIP Gesellschaft für medizinische Intensivpflege mbH 2011