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01.10.2012

Sexualität und Pflege - der richtige Weg zwischen Nähe und Distanz

Lange Zeit wurde das Thema „Sexualität und Pflege“ tabuisiert. Erst in den vergangenen Jahrzehnten tauchte ein Lichtstreif am Horizont auf, der in Gesellschaft und Pflege ein Umdenken angestoßen hat.

Ein kurzer Dialog zum Einstieg

Pflegekraft: „Du, ich wollte Dich mal was fragen: Ich war doch da letzte Woche bei einer Fortbildung. Das Thema war Behinderung und Sexualität. Die Referenten haben uns erzählt, dass auch Menschen mit Behinderung, Wünsche nach Liebe und Zärtlichkeit hätten. Was denkst Du denn dazu?“

Klientin (Rollstuhlfahrerin mit schwerer Behinderung):
 „Toll, dass das auch schon mal einer merkt!“

Pflegekraft: „Ich hatte darüber vorher noch nie nachgedacht. Hast Du denn da Erfahrung?“

Klientin:
 „Einen Freund hatte ich leider noch nicht, obwohl ich schon so lange davon träume. Und sonst – ich kann mich ja nicht mal selbst anfassen, weil ich meine Hände kaum bewegen kann. Zum Glück hat mir meine Schwester manchmal geholfen und mich untenrum etwas gestreichelt – die wusste, was eine Frau braucht. Nur hier im Wohnheim weiß ich nicht, wie es weitergehen kann.“ 

Pflegekraft: „Was würdest Du Dir denn wünschen?“

Klientin: „Am besten Ihr besorgt mir einen schönen Freund und bis dahin wäre es schön, wenn Ihr mir – wie meine Schwester – helfen könntet.“ (nach Maria Diete/Christina Dürr 2011)

Wenn das Private öffentlich wird

Ein Unfall oder eine schwere Erkrankung können bedeuten, dass ein Mensch seine Sexualität nicht mehr ohne fremde Assistenz ausleben kann. Damit wird die Sexualität des Betroffenen von einer rein privaten zu einer quasi öffentlichen Angelegenheit, in die unter anderem Angehörige und Pflegekräfte, also Personen mit großer Nähe und täglichem Kontakt zum Betroffenen, involviert sind.

Tabuthema: Sexualität und Pflege - ein Blick auf die Ursachen

  • Pflege nur scheinbar asexuell

    Formal gesehen treffen in der Pflege Pflegekräfte und Klienten aufeinander. Jenseits dieser sozialen Rollenprofile sind es jedoch Menschen mit komplexen Persönlichkeiten, mit individuellen Wünschen und Bedürfnissen. Sexualität kann in diesem Kontext in verschiedenen Dimensionen an Bedeutung gewinnen. Der Psychologe Dr. Gerald Gatterer redet hier von Verquickungen und unterscheidet zwischen einer „Verquickung von Sexualität und Pflege im Kontext pflegerischer Aufgaben“ sowie einer „Verquickung von Sexualität und Pflege jenseits pflegerischer Erfordernisse“. 

    Pflegende und Gepflegte stehen insofern im Gegensatz zur historischen Annahme einer „asexuellen Pflege“ im Versorgungsalltag immer wieder vor der Herausforderung, miteinander auszuhandeln, inwieweit Situationen als sexuell bewertet und Annäherungen akzeptiert oder eben abgelehnt werden - unausgesprochene Regeln hin oder her.

  • Das Recht auf Sexualität

    Im nationalen Aktionsplan der Bundesregierung heißt es: "Menschen mit Behinderungen haben ein Recht auf Sexualität und Partnerschaft und ein Recht auf Ehe (soweit beide Partner nicht geschäftsunfähig sind). Und sie haben das Recht auf Zugang zu altersgerechter und barrierefreier Information über Sexualität, Fortpflanzung und Familienplanung." 

    Entsprechend unterstützt die Bundesregierung das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Ehe, Partnerschaft und Sexualität. Dazu setzt die Regierung unter anderem auf Veröffentlichungen wie die Schwerpunktausgabe der Zeitschrift FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung, einem Informationsdienst der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), zum Thema "Sexualität und Behinderung". Im Netz unter: sexualaufklaerung.de

Noch deutlicher wird dies bei einem genaueren Blick auf die Tätigkeiten, die Pflegekräfte tagtäglich ausüben. Intensive und intime Kontakte mit den Klienten gehören z. B. bei der Körperpflege dazu. Pflegerisches und sexuelles Handeln haben hier nach Ansicht von Pflegewissenschaftlerin Sonja Kleinevers durchaus viel gemeinsam. Was widersprüchliche Situationen nach sich ziehen kann, "weil Pflegende im beruflichen Kontext eine Nähe herstellen, die sonst den Pflegebedürftigen selbst bzw. ihren Partnerinnen und Partnern vorbehalten ist oder gar darüber hinaus geht". 

Wie unmittelbar und sensibel diese Nähe ist, macht Christine Sowinski im Magazin „Die Schwester Der Pfleger“ deutlich: „Pflege ist oft intimer als intim. Pflegende werden Zeugen bei den Ausscheidungsvorgängen ihrer Klienten (...). Sie bekommen im wahrsten Sinne des Wortes alles ‚hautnah’ mit und haben von daher nicht nur eine körperliche, sondern auch eine seelische Nähe zu den zu Pflegenden.“ Das ist fraglos eine schwierige Situation, allerdings nicht nur für Pflegekräfte.

Für viele Angehörige ein Tabu

Auch viele Angehörige stehen beim Umgang mit dem Thema „Sexualität und Pflege“ vor einer schwierigen Herausforderung.

  • Beispiel intensivpflegebedürftiger Partner: Ein Paar lebt wie tausend andere Paare in der eigenen Wohnung zusammen, nur, dass die Intensivpflegebedürftigkeit des einen Partners zur Folge hat, dass immer eine Pflegekraft anwesend sein muss. Natürlich hat das Auswirkungen auf die Sexualität des Paares – das partnerschaftliche Leben findet schließlich unter quasi Beobachtung statt. Immer wieder wird über „Schamblindheit“ von Pflegekräften geklagt.
  • Beispiel Pflegefall in der Familie: Erfahrungen zeigen, dass Kinder ungern über die sexuellen Bedürfnisse oder das Sexualverhalten ihrer erkrankten Eltern sprechen. Das kann sogar soweit gehen, dass Bedürfnisse oder Verhaltensauffälligkeiten nicht genannt, verschwiegen oder verniedlicht werden. Roland Brühe vom Online-Magazin „Der Pflegebrief“ spricht in diesem Zusammenhang von Sprachlosigkeit. Es sei nach wie vor schwierig, so Brühe, hierüber in ein offenes Gespräch zu kommen.


Umso wichtiger ist es, dass Pflegekräfte durch professionelles Handeln gegenüber dem Klienten sowie den Angehörigen für einen reflektierten und positiven Umgang mit dem Thema Sexualität in der Pflege sorgen.

Professionelles Handeln

Christine Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) gibt im Fachmagazin Die Schwester Der Pfleger zehn Handlungsempfehlungen: 

  • Professionelle Zärtlichkeit - Sexualassistenten

    Alle Menschen sollen auf natürlichem Weg ihre Sexualität ausleben, nicht immer ergeben sich jedoch die passenden Konstellationen oder Gelegenheiten. Eine Chance bieten hier Sexualassistenten, die Klienten professionelle Zärtlichkeit anbieten.

    Doch wie sieht diese professionelle Zärtlichkeit aus? Jörg Böckem hat die Sexualassistentin Nina de Vries in ihrem Arbeitsalltag begleitet und berichtet im Spiegel Wissen darüber. Er schildert offen die Begegnung der Sexualassistentin mit einem an Demenz erkrankten Mann: „Die beiden ziehen sich für eine Stunde in das Zimmer des Mannes zurück. Im Verlauf dieser Stunde werden sie Tee trinken, Musik hören, reden, lachen. Die Frau wird den Mann massieren, irgendwann werden beide nackt sein, sie werden sich umarmen, anfassen, und Josef K. wird einen Orgasmus haben.“ 

     

    Allerdings setzt sich Nina de Vries für ihre professionelle Zärtlichkeit klare Grenzen. Sie biete Gespräche an, Beratung, aber eben auch Zärtlichkeit und Massagen. Geschlechtsverkehr, Oralsex und Küssen gehörten jedoch nicht zu ihrem Angebot, das sei eine unumstößliche Grenze, berichtet Jörg Böckem.

  • Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen

    Artikel 3:Privatheit

    Respektierung von Sexualität, geschlechtlicher Orientierung und Lebensweise

    "Grundsätzlich hat jeder Mensch – unabhängig vom Alter und unabhängig vom Ausmaß des Pflege- und Hilfebedarfs – das Recht auf Sexualität, auf Respektierung seiner geschlechtlichen Identität und seiner Lebensweise. Niemand darf Sie aufgrund Ihrer geschlechtlichen Orientierung diskriminieren. Über die Art und Weise intimer und sexueller Beziehungen und Aktivitäten entscheiden Sie selbst, soweit dadurch die Rechte anderer Personen nicht verletzt werden. Die Möglichkeiten, intime Beziehungen auszuleben, sind allerdings abhängig von den Bedingungen und der Ausrichtung der jeweiligen Einrichtung. So kann es ratsam sein, sich auch in dieser Hinsicht über die Einrichtung vor Abschluss eines Vertrages zu informieren."

    Mehr Infos zur Charta unter: www.pflege-charta.de

Zu den Klienten der Sexualassistentin zählen Menschen mit schweren physischen und psychischen Beeinträchtigungen, Schwerst- und Mehrfachbehinderte und hier in der Regel Männer. 

Nina de Vries sieht ihre Arbeit selbst als Assistenz und Möglichkeit zur Begegnung in einem würdevollen Rahmen. „Sexualassistenz ist eine Dienstleistung für Menschen mit einer Beeinträchtigung, die auch in anderen Lebensbereichen Assistenz benötigen und für die sexuelle Begegnungen sonst schwer möglich sind“, so de Vries gegenüber Jörg Böckem.

 

Einen genaueren Einblick in das Thema Sexualassistenz gibt der folgende Filmbeitrag von arte Cut Up. Zu finden auf arte.tv (Regie: Claire Laborey (Deutschland)/Production: Quark Productions, 2009).

Das Ende eines Tabuthemas?

Lange Zeit wurde Sexualität in der Pflege tabuisiert. Aktuell wird jedoch immer offener darüber diskutiert und das ist auch gut so. Eine neuere Studie der Pflegewissenschaftlerin Renate Stemmer zeigt, dass bereits Auszubildende in der Pflege Sexualität als ein selbstverständliches Element in der pflegerischen Begegnung wahrnehmen. Umso mehr erstaunt es, dass das Thema in der Pflegeausbildung oft noch unterrepräsentiert ist. 

 

An einem aufgeklärten Umgang mit dem Thema als Teil eines möglichst selbstbestimmten Lebens führt jedoch gerade in der häuslichen Intensivpflege kein Weg vorbei.

Quellen und mehr Informationen

Filmplakat HASTA LA VISTA © 2012 Ascot Elite Filmverleih GmbH
  • Sonja Kleinevers: Sexualität und Pflege. Bewusstmachung einer verdeckten Realität, Hannover, 2004
  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Unser Weg in einer inklusive Gesellschaft. Der Nationale Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, Berlin, 2011
  • Christine Sowinski: Keine Frage des Alters, Sexualität in der Pflege, in: Die Schwester Der Pfleger 09/11
  • pro familia Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e. V. (Hrsg.): Expertise, Sexuelle Assistenz für Frauen und Männer mit Behinderungen, Frankfurt/Main, 2005
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Sexualität und Behinderung, Themenheft von: Forum Sexualaufklärung und Familienplanung, Köln, 2010
  • Gerald Gatterer: Sexualität in der Pflege, in: Österreichische Pflegezeitschrift 11/08
  • Roland Brühe: Sexualität im Krankenhaus, in: Der Pflegebrief 3/2001
  • Renate Stemmer: Sexualität in der Pflege: Tabu?, in: Heilberufe 1/2002
  • Jörg Böckem: Die Pionierin, Sex-Dienste im Pflegeheim, in: SPIEGEL Wissen 1/2010
  • Hendrik Saathoff: Vortragsskript, Seminar: Pflege, Körpernähe, Sexualität
  • Marie Diete/Christina Dürr: Konzeption?! Arbeit an und mit der Konzeption „Behinderung & Sexualität“ für die Wohneinrichtungen der Spastikerhilfe Berlin eG, in: Nicola J. Maier-Michalitsch, Gerhard Grunick (Hrsg.): Leben pur – Liebe, Nähe, Sexualität bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen, Düsseldorf 2011

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