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02.11.2016

Die Pflegegrade kommen: Ab 2017 gelten neue Regelungen nach dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II)

Zum bevorstehenden Jahreswechsel erfolgt endlich die Umstellung der bekannten Pflegestufen auf die neuen Pflegegrade. Gleichzeitig wird ein neues Begutachtungsverfahren für die Einstufung von Pflegebedürftigen eingeführt. Ziel dieser umfangreichen Maßnahmen ist es, den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff umzusetzen und allen Pflegebedürftigen zukünftig einen gleichberechtigten Zugang zu den Leistungen der Pflegeversicherung zu ermöglichen – ganz unabhängig davon, ob sie unter körperlichen oder psychischen Einschränkungen wie Demenz leiden. Nach intensiven Vorbereitungen im Jahr 2016 wird die automatische Umstellung der alten Pflegestufen auf die fünf neuen Pflegegrade zum 1. Januar 2017 vollzogen. Wir möchten Ihnen die wichtigen Änderungen im Detail vorstellen.  

Die neuen Pflegegrade kommen: Ab 2017 gelten neue Regelungen nach dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II). Foto: fotolia.de

Das neue Begutachtungsassessment (NBA) für die Einstufung in Pflegegrade

Für die Einstufung eines Patienten in einen der fünf möglichen Pflegegrade werden durch einen Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) sowohl körperliche, als auch geistige und psychische Einschränkungen erfasst. Der Grad der Selbständigkeit eines Erkrankten wird im Rahmen der Begutachtung in sechs verschiedenen Bereichen gemessen. Anschließend werden die Teilergebnisse mit unterschiedlicher Gewichtung zu einer Gesamtwertung zusammengeführt. Daraus ergibt sich die Einstufung in einen der neuen Pflegegrade. 

 

Eine Begutachtung wird in folgenden Bereichen vorgenommen: 

Modul Beschreibung
Modul 1: Mobilität Körperliche Beweglichkeit, wie morgens aufstehen oder Treppensteigen (Gewichtung von 10% innerhalb der Gesamtwertung)
Modul 2: Kognitive und kommunikative Fähigkeiten Reden und Verstehen, die Orientierung über Ort und Zeit, das Begreifen von Sachverhalten (Gewichtung von 15% innerhalb der Gesamtwertung)
Modul 3: Verhaltensweisen und psychische Problemlagen z. B. Ängste und Aggressionen oder die Abwehr pflegerischer Maßnahmen (Gewichtung von 15% innerhalb der Gesamtwertung)
Modul 4: Selbstversorgung z. B. sich selbständig waschen, essen und trinken, selbständige Toilettenbenutzung (Gewichtung von 40% innerhalb der Gesamtwertung)
Modul 5: Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen z. B. das selbständige Einnehmen von Medikamenten, der selbständige Arztbesuch oder der Umgang mit einer Prothese oder einem Rollator (Gewichtung von 20% innerhalb der Gesamtwertung)
Modul 6: Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte z. B. die selbständige Gestaltung des Tagesablaufs oder die Fähigkeit, mit anderen Menschen direkt in Kontakt treten zu können (Gewichtung von 15% innerhalb der Gesamtwertung)

Zusätzlich betrachtet werden:

Modul Beschreibung
Modul 7: Außerhäusliche Aktivitäten u. a. die Selbständigkeit einer Person im öffentlichen Raum oder die selbständige Nutzung von Transportmitteln (fließt nicht in die Gesamtwertung mit ein)
Modul 8: Haushaltsführung u. a. die Selbständigkeit beim Einkaufen, bei Behördengängen oder bei der Regelung finanzieller Angelegenheiten (fließt nicht in die Gesamtwertung mit ein)

Modul 7 und 8 werden nicht für die Einstufung von Pflegebedürftigen herangezogen. Sie sollen es Pflegeberatern jedoch ermöglichen, Patienten gezielt zu weiteren Angeboten und Sozialleistungen zu beraten oder für sie einen individuellen Versorgungsplan zu erstellen.

 

Minuten sollen im Rahmen der neuen Begutachtung und dementsprechend auch für die Einstufung von Patienten keine Rolle mehr spielen. 

Die benötigten Unterstützungsleistungen in den einzelnen Pflegegraden

Pflegegrad Grundpflege in Minuten (SGB XI) Psychosoziale Unterstützung* Nächtliche Hilfen Präsenz tagsüber**
1 27 – 60 gelegentlich nein nein
2 30 – 127 gelegentlich 0 – 1x nein
2 mit EA 8 – 58 mehrfach bis häufig nein stundenweise
3 131 – 278 mehrfach 0 – 2x stundenweise
3 mit EA 8 – 74 6x bis ständig 0 – 2x überwiegend
4 184 – 300 mehrfach 2 – 3x überwiegend
4 mit EA 128 – 250 häufig bis ständig 1 – 6x rund um die Uhr
5 mit EA 245 – 279 ständig 3x rund um die Uhr

* gelegentlich = bis 1x tägl., mehrfach = 2 – 6x tägl., häufig=7 – 12x tägl., ständig >12x tägl.

** stundenweise=<6 Stunden, überwiegend=6 – 12 Stunden

Die Leistungsbeträge für Pflegebedürftige in den einzelnen Pflegegraden (in Euro)

Pflegegrad 1 Pflegegrad 2 Pflegegrad 3 Pflegegrad 4 Pflegegrad 5
Geldleistungen ambulant 316 545 728 901
Sachleistungen ambulant 689 1298 1612 1995
Entlastungsbetrag ambulant (zweckgebunden) 125 125 125 125 125
Leistungsbetrag vollstationär 125 770 1262 1775 2005
Bundesdurchschnittlicher pflegebedingter Eigenanteil 580 580 580 580

In den Pflegegrad 1 sollen zukünftig erstmals Menschen eingestuft werden, die nicht erheblich beeinträchtigt sind, aber schon über gewisse, zumeist körperliche Einschränkungen verfügen. 

Die fünf neuen Pflegegrade im Detail

Die Umstellung auf die neuen Pflegegrade – niemand wird schlechter gestellt

In Deutschland gibt es aktuell rund 2,7 Millionen pflegebedürftige Menschen. Alle Pflegebedürftigen werden zum 1. Januar 2017 per Gesetz ganz automatisch in einen der neu eingeführten Pflegegrade übergeleitet. Kein Pflegebedürftiger muss einen neuen Antrag auf Begutachtung stellen. So soll zusätzlicher Aufwand für die vielen Betroffenen vermieden werden. 

 

Die Überleitung in die Pflegegrade wird laut Bundesgesundheitsministerium nach der folgenden Formel erfolgen: „Menschen mit ausschließlich körperlichen Einschränkungen werden automatisch in den nächst höheren Pflegegrad übergeleitet (Beispiele: Pflegestufe I wird in Pflegegrad 2, Pflegestufe III wird in Pflegegrad 4 übergeleitet). Menschen mit geistigen Einschränkungen kommen automatisch in den übernächsten Pflegegrad (Beispiel: Pflegestufe 0 wird in Pflegegrad 2, Pflegestufe II mit eingeschränkter Alltagskompetenz wird in Pflegegrad 4 übergeleitet).“

Die automatische Einstufung der bisherigen Pflegestufen in die neuen Pflegegrade im Überblick

Bei Menschen mit ausschließlich körperlichen Einschränkungen gilt die Regel „+1“

In Pflegestufen bis 2016 In Pflegegraden ab 2017
0 1
I 2
II 3
III 4
III (Härtefall) 5

Bei Menschen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz gilt die Regel „+2“

In Pflegestufen bis 2016 In Pflegegraden ab 2017
1
0 2
I 3
II 4
III 5

Dabei sollen alle Pflegebedürftigen die Pflegeleistungen, die sie bereits erhalten, mindestens im gleichen Umfang weiter bekommen. Für einen Großteil soll es sogar mehr Unterstützung geben. Verbesserungen gibt es auch in stationären Pflegeeinrichtungen. Darüber hinaus haben alle betroffenen Menschen in Zukunft Anspruch auf zusätzliche Betreuungsangebote, die durch die soziale Pflegeversicherung finanziert werden. 

Quellen und weitere Informationen

  • Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff und das Neue Begutachtungsassessment (NBA). Persönliche Beeinträchtigungen des Selbständigkeit oder der Fähigkeiten einschätzen, in: Praxisseiten Pflege 09/2015 Online abrufbar unter: www.bmg.bund.de
  • Informationen zum Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) unter: www.bmg.bund.de
  • K. Wingenfeld/B. Gansweid (2013): Analysen für die Entwicklung von Empfehlungen zur leistungsrechtlichen Ausgestaltung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs. Abschlussbericht, Bielefeld/Münster
  • Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.) (2016): Wir stärken die Pflege: Die Pflegestärkungsgesetze. Alle Leistungen zum Nachschlagen, Berlin 

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