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Das Rätsel Wachkoma

Wachkoma - ein medizinisches Phänomen

Das Wachkoma gehört zu den noch am wenigsten verstandenen medizinischen Phänomenen und stellt die Wissenschaft immer wieder vor Rätsel und insbesondere vor die Frage, wie viel ein Mensch, der im Wachkoma liegt und sich nicht mitteilen kann, wahrnimmt. Nimmt er überhaupt etwas wahr?

In Deutschland fallen jedes Jahr etwa 35.000 bis 40.000 Menschen ins Koma. Auslöser sind meist schwere Hirnverletzungen, z. B. durch einen Unfall oder Schlaganfall. Manche verweilen für Wochen und Monate in diesem Zustand. Ca. 3000 bis 5000 verbleiben im sogenannten Wachkoma und verharren bis zu einem halben Jahr oder länger, teilweise sogar bis an ihr Lebensende in dieser Lebensform.

 

Was ist ein Koma?

Koma (griech.: tiefer Schlaf) wird aus medizinischer Sicht in erster Linie mit einer Bewusstlosigkeit gleichgesetzt, die im akuten Fall so tief ist, dass der Mensch selbst bei starken Schmerzreizen nicht aufwacht. Er hat keinen Schlaf-Wach-Rhythmus, seine Augen sind dauernd geschlossen und er muss gegebenenfalls künstlich beatmet und ernährt werden. Die bei den Betroffenen abweichende Tiefe des Komas bzw. der Grad des Aufwachens aus der tiefen Bewusstlosigkeit wird in der Regel an der Reaktion auf Reizangebote und Stimulationen bestimmt. Die drei wichtigsten „Koma-Stufen“ (nach Prof. Dr. med. Andreas Zieger, Neurochirurg) sind:

  1. Keine Reaktion: Der Mensch befindet sich in einem vermeintlich tiefen Schlaf. Er scheint unempfänglich für jede Art von Stimulation wie etwa Schmerz, physische, optische oder akustische Reize.
  2. Allgemeine Reaktionen: Der Mensch reagiert vereinzelt auf die genannten Stimulationen, aber nicht immer auf die gleiche Weise. Er kann auf Körperbewegungen reagieren, seine Gedankenmuster oder seinen Sprachgebrauch verändern. Die Reaktionen sind in der Regel aber sehr langsam.
  3. Lokalisierte Reaktionen: Der Mensch reagiert auf bestimmte Stimulationen, allerdings nicht immer auf die gleiche Weise. Die Reaktionen erfolgen direkt auf die Stimulation, wie z. B. das Drehen des Kopfes auf Ansprache oder das Verfolgen eines Objektes mit den Augen. Er kann auf einfache Befehle wie „Hebe die Hand!“ oder „Schließe die Augen!“ inkonsequent reagieren. Ist die Stimulation vorbei, kann er ruhig liegen. Der Mensch ist fähig zu spüren, dass er intubiert ist oder einen Katheter hat und ist fähig, daran zu ziehen. Er zeigt „Unruhe”.
  • Was ist ein Wachkoma?

    Oft schließt sich an den Zustand eines Komas ein Wachkoma an, wobei von einem Erwachen im eigentlichen Sinne nicht gesprochen werden kann. Wachkoma, auch als apallisches Syndrom oder vegetativer Zustand bezeichnet, ist eine Form des Komas, in dem der Mensch bestimmte Reflexe und Bewegungen zeigt, aber nicht bei Bewusstsein ist. Er befindet sich in einem Zustand zwischen der tiefen Bewusstlosigkeit (Koma) und dem Wachsein, wie Gesunde es erleben.

    Menschen im Wachkoma verfügen über einen erschöpfungs- und tageszeitbedingten Schlaf-Wach-Rhythmus. Sie haben während des „Wachseins“ die Augen geöffnet, wobei ihr Blick anfänglich oft ins Leere läuft – sie fixieren nicht.

  • Neue Erkenntnisse zum Thema Wachkoma

    Es war eine medizinische Sensation, die vielen Angehörigen von Wachkoma-Patienten Hoffnungen machte: Einem kanadischen Arzt war es gelungen, mit einem Wachkomapatienten zu kommunizieren - per Hirnscan. Mehr Informationen: www.spiegel.de/gesundheit/

     

    Können Wachkomapatienten trotz schwerer Hirnschäden Emotionen empfinden? Ja und zwar fast jeder Zweite - nachweisbar durch funktionelle Bildgebung: www.aerztezeitung.de

Ihre Atmung ist in der Regel spontan und ihre Herz-Kreislaufaktivität konstant, sodass sie keiner lebenserhaltenden Apparate mehr bedürfen. Trotz ihrer „scheinbaren“ Wachheit können sie jedoch nicht willentlich in Kontakt mit ihrer Umwelt treten, obwohl sie teilweise emotionale und vegetative (körperliche) Reaktionen zeigen. Mit bewussten Handlungen haben diese Reaktionen aber vor allem in frühen Stadien oft nicht viel gemeinsam – sie sind eher Reflexe oder unkontrollierte Bewegungen.

Einige Menschen verweilen viele Jahre in diesem Zustand des irgendwo „Dazwischens“, für andere ist er unter Umständen ein Durchgangsstadium auf dem Wege der Besserung. Die Grenze zwischen Wachkoma und dem sogenannten minimalen Bewusstseinszustand (Siehe dazu Kasten „Kleines Koma-Glossar“.) sind dann oft fließend.

Ursachen des Wachkomas

Die häufigste Ursache des Wachkomas sind Schädel-Hirn-Traumen, also z. B. Unfälle, bei denen das Gehirn des Betroffenen verletzt wurde. Auch durch eine Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff, wie etwa infolge eines Narkosezwischenfalls oder einer Wiederbelebung nach einem langen Herzstillstand, kann ein Mensch ins Wachkoma sinken. Die Betroffenen haben in der Regel eine schwere Schädigung des Großhirns erlitten, während andere Hirnteile noch weitgehend intakt sein können.

Hoffnung und Erwartungen

Die heutige Komaforschung lässt, auch wenn sie noch in den Kinderschuhen steckt, Hoffnung zu. Menschen im Wachkoma befinden sich – das kann aufgrund der in der Literatur vorliegenden Forschungsergebnisse festgehalten werden – in einem Entwicklungsstadium des „Zwischens“ und können sich entwickeln. Vor allem die familiäre Zuwendung im eigenen Zuhause erzielt enorme Fortschritte. Die Annahme, dass Betroffene im Wachkoma nichts von ihrer Umwelt wahrnehmen, kann durch zahlreiche Einzelstudien widerlegt werden, weshalb wir diese Menschen nicht aufgeben dürfen. Wir sollten sie nicht wie tote, sondern wie lebende und empfindsame Personen behandeln. Auch wenn es immer wieder spektakuläre Fälle des Erwachens aus dem Wachkoma gibt, sollten Angehörige ihre Erwartungen an die Betroffenen nicht zu hoch setzen. Eines steht fest: Nur wenige Wachkoma-Patienten, die den Sprung zurück ins Leben schaffen, werden wieder zu denen, die sie einmal waren. Die meisten bleiben schwerstbehindert, können sich aber mit familiärer und therapeutischer Unterstützung sowie modernen Kommunikationshilfen wieder selbstständig verständigen. Was einen Menschen, seine Persönlichkeit und das Leben ausmacht, ist Ansichtssache und liegt im Ermessen jedes Einzelnen.

Mehr Informationen über Wachkoma

Weiterführende Literatur:

  • Wachkoma. Betreuung, Pflege und Förderung eines Menschen im Wachkoma von Nydahl, Peter (Hrsg.), 2007, 2. Auflage, Verlag Elsevier Urban & Fischer
  • Informationen und Hinweise für Angehörige von Schädel-Hirn-Verletzten und Menschen im Koma und Wachkoma (sog. apallisches Syndrom) von Andreas Zieger, 2006, 10. Auflage, Eigenverlag


Wichtige Internetadressen:

  • www.a-zieger.de - Hompage des Oldenburger Neurochirurgen Prof. Dr. med. Andreas Zieger. Hier finden Sie viele hilfreiche Informationen und kostenlos Veröffentlichungen des Neurowissenschaftlers zum Download.
  • www.shv-forum-gehirn.de - Website des Bundesverbandes für Menschen mit Hirnschädigung und deren Angehörige.
  • www.schaedel-hirnpatienten.de - Website des Schädel-Hirnpatienten in Not e. V.

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