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21.02.2017

Zukunft Pflege: Wenn die Pflege zum Pflegefall wird

GIP redet Klartext zu Themen der Pflege

Vor fast 20 Jahren, im April 1997, forderte der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog in seiner wohl bekanntesten Rede, dass Deutschland wieder eine Vision brauche, wobei Visionen nichts anderes seien, als Strategien des Handelns, was sie wiederum von Utopien unterscheide. Was hat sich seither wirklich getan? Nicht viel. Vor allem im Hinblick auf das Gesundheitswesen im Allgemeinen und die Pflege im Besonderen. Es herrscht Notstand – und zwar an allen Ecken und Enden.

Ursachenforschung: Wir altern und werden älter

Wir leben in einer Gesellschaft, die durch Alterung auf der einen Seite und medizinischen Fortschritt auf der anderen Seite geprägt ist. Im Jahr 2060 werden in Deutschland voraussichtlich doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden. Der Anteil der 20-Jährigen an der Gesamtbevölkerung wird sich halbieren. Dadurch sinkt die Zahl der Erwerbstätigen kontinuierlich – doch nicht nur das: Bereits in naher Zukunft wird Deutschlands Arbeitskraft zu einem erheblichen Teil aus Menschen bestehen, die älter als 50 Jahre alt sind. 

Die Pflegegesellschaft und der Fachkräftemangel

Bereits heute sind rund 2,86 Millionen Menschen in Deutschland auf Pflege angewiesen. In den nächsten 15 Jahren wird sich diese Zahl auf rund 3,5 Millionen Menschen erhöhen. 

Während die demografische Entwicklung auf dem Gesamtarbeitsmarkt spürbar ist, hat sie die Pflegebranche bereits überrollt. Schon heute fehlen nach Schätzungen rund 60.000 Pflegekräfte. Pflegeforscher warnen zum Teil vor bis zu 500.000 Pflegekräften, die in den nächsten Jahren fehlen werden.  

Lösungen?

Wer also soll uns in Zukunft adäquat pflegen, wenn der Pflegenotstand bereits heute allgegenwärtig ist? Seit geraumer Zeit wird in Politik und Wirtschaft über das Angebot und den Bedarf an Fach-, aber auch Hilfskräften in der Pflege diskutiert. Hat dies zu einer Trendwende geführt? Ganz klar: NEIN.

 

Denn, wenn als mögliche Lösungen für das wachsende Problem in der Pflege der Beruf mehr gesellschaftliche Anerkennung erhalten soll, Akademisierung und eine bessere Vergütung propagiert werden, mag das politisch für die Gewerkschaften und Interessenverbände verlockend klingen, löst die Misere jedoch nicht. Denn auch, wenn einige diese Ansätze ihre Berechtigung haben mögen, sind sie dennoch Augenwischerei, die das eigentliche Problem der fehlenden Ressource Mensch ausblenden. 

 

Deutschland hat schlicht weder aktuell, noch im Hinblick auf die Zukunft genügend Menschen, um den enormen Bedarf an notwendigen, qualifizierten Arbeitskräften zu decken. Gleichzeitig hat man es verpasst, qualifizierte Kräfte rechtzeitig und vor allem in genügender Anzahl nach Deutschland zu holen. Nennenswertes Engagement hierzu gab es seitens des Staates, wenn überhaupt, nur in einem solch geringen Ausmaß, dass die Effekte keinerlei Marktrelevanz erzielen konnten. Oder sollten?

 

Damit hat der Staat nicht nur die Patienten, sondern auch die Pflege und damit sich selbst im Stich gelassen. Führt dies doch unweigerlich zum Ausbluten der engagierten Kräfte, beschleunigt durch Arbeitskonzentration und Überstunden, die zum Regelfall werden – alles zum Wohle der Patienten, allein gelassen durch das Gesundheitssystem mit Arbeitgebern, die diesem Teufelskreis machtlos, aber eben nicht ideenlos gegenüberstehen. 

Quo vadis Pflege?

Wer also soll uns in Zukunft adäquat pflegen, wenn der Pflegenotstand bereits heute allgegenwärtig ist? Die einzige, wahre Schlussfolgerung aus den bestehenden Tatsachen ist: Wir müssen aufwachen aus Utopia und unsere Türen und Tore öffnen! Der flächendeckende Fachkräftemangel wird zukünftig nur durch Zuwanderung ausländischer Fachkräfte kompensiert werden können. Hierfür Räume, Strukturen und gesellschaftliche Akzeptanz zu schaffen, ist Aufgabe von Staat und Politik. Es müssen Handlungsstrategien sowie Anpassungs- und Anerkennungssysteme entwickelt werden, die umsetzbar und zielführend sind. Zukunftsfürsorge gehört zu den entscheidenden staatlichen Aufgaben. Zeit also, nicht nur darüber nachzudenken, sondern auch aktiv etwas dafür zu tun. 

 

Dazu gehört auch, Geld in die Hand zu nehmen. Dank guter Konjunktur und hoher Steuereinnahmen wäre dies zweifelsfrei möglich. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland einen Haushaltsüberschuss von sieben Milliarden Euro. Geld, das die Menschen Deutschlands aufgebracht haben und das ihnen perspektivisch im Rahmen der Zukunftsfürsorge auch wieder zugutekommen sollte. Ferner sollte Eigeninitiative von Unternehmen unterstützt und nicht beschränkt werden, indem mögliche Märkte verschlossen werden.

Die Zukunft bereits heute beginnen

Auch die gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen müssen ihre Investition in die Zukunft der Pflege leisten. Ihre seit Jahren erwirtschafteten Überschüsse sollten Verwendung finden, indem sie dort ankommen, wo Pflege passiert – an der Basis. Denn auch der weit verbreitete Irrglaube, dass Pflegeeinrichtungen und -dienstleiter maßgeblich die Vergütung der Pflegebranche bestimmen würden, ist eine Utopie. Die Vergütung wird durch die Kassen bestimmt, die trotz der aktuellen Situation Vergütungssteigerungen sehr konservativ handhaben und als Kostenträger faktisch am längeren Hebel sitzen, auch wenn es uns Dienstleister schmerzt und wir es nur schwerlich mit unserem neuen Selbstbewusstsein als Partner im Gesundheitswesen vereinbaren können.

 

Vergessen wird außerdem gern, dass es Deutschlands Bürger sind, die in Pflege- und Krankenkassen einzahlen, um eine adäquate Pflege zu erhalten. Damit sind sie also die eigentlichen Kostenträger und nicht die Krankenkassen.

 

Was den Kassen die Pflege derzeit tatsächlich wert ist, spiegelt sich aktuell in den entsprechenden Vergütungsstrukturen wider. Hier ist eine bessere Vergütung zwingend notwendig, denn Pflege ist ein Beruf, der unser aller Anerkennung bedarf und dies beinhaltet auch finanzielle Anerkennung. Solange daher Pflegeunternehmen schlechter vergütet werden, als Autowerkstätten, wird sich dies nicht ändern.

 

Hier sehe ich uns als Arbeitgeber in der Pflicht, sodass man darüber nachdenken sollte, etwaige Vergütungserhöhungen an die Verpflichtung der Arbeitgeber zu knüpfen, diese 1 zu 1 ausschließlich zur Erhöhung der Stundenlöhne der Mitarbeiter zu verwenden. Die GIP Intensivpflege wäre als Arbeitgeber hierzu bereit und auch bereit dazu, diesen Prozess maximal transparent und prüfbar zu gestalten.

 

„Vor uns liegt ein langer Weg der Reformen. Wir müssen heute mit dem ersten Schritt beginnen“, so verkündete es bereits Roman Herzog vor 20 Jahren. Gern setzten wir uns als bundesweit tätiger Pflegedienst und Arbeitgeber fortan – wie auch schon in der Vergangenheit – mit unseren Ideen und Visionen für eine bessere Zukunft der Pflege ein. Gern beraten wir Entscheidungsträger, sofern sie bereit sind, sich der Realität zu stellen, und werden für eine bessere Vergütung der Pflegenden durch die zuständigen Kostenträger eintreten. Aber, wie sagte doch schon Roman Herzog: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen.“

 

Marcus Carrasco-Thiatmar

Geschäftsführer 

 

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Quellen und mehr Informationen

  • „Berliner Rede“ oder auch „Ruckrede“ des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog (* 5. April 1934 in Landshut; † 10. Januar 2017 in Bad Mergentheim) am 26. April 1997 in Berlin
  • Statistisches Bundesamt, Gruppe ID, Pressestelle, Gruppe VIA, „Demografische Modellrechnungen“ (Hrsg.) (2009): Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 18. November 2009 in Berlin. Wiesbaden, S. 14 ff. 
  • Statistisches Bundesamt: Pflegestatistik 2015, Deutschlandergebnisse
  • Bertelsmann Stiftung: Pflegereport „Pflege 2030“, Was ist zu erwarten – was ist zu tun?

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