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17.06.2014

Wertschätzung - Macht gute Pflege einfach besser

Wertschätzung ist ein grundlegendes Bedürfnis und sollte gut gepflegt werden. Sie sorgt maßgeblich dafür, dass wir das, was wir tun, als positiv und wertvoll empfinden. Entsprechend motiviert sind wir dann auch. Pflegekräfte, pflegenden Angehörige und Pflegebedürftige sehen Nachholbedarf bei diesem wichtigen Thema. Ein Grund für uns, die Situation in der häuslichen (Intensiv-)Pflege genauer unter die wertschätzende Lupe zu nehmen und nach Möglichkeiten für mehr Wertschätzung in der Pflege zu suchen.

Wertschätzung in der Pflege - Titelthema des aktuellen GIP-Magazins

In der Pflege wird häufig ein Mangel an Wertschätzung beklagt und das auf allen Seiten. Sowohl Pflegebedürftige und pflegende Angehörige als auch professionelle Pflegekräfte fühlen sich oft zu wenig gewertschätzt. Öffentlichkeitswirksame Aktionen wie „Pflege am Boden“ oder Initiativen und Kampagnen wie das „Bündnis für gute Pflege“ sind deutliche Hinweise hierfür. Eine explosive Situation gerade auch für die häusliche (Intensiv-)Pflege. Denn nach Angaben des Statistischen Bundesamtes werden in Deutschland mehr als zwei Drittel aller Pflegebedürftigen – 2011 rund 1,76 Millionen Menschen – zu Hause versorgt.


Ein MEHR an Wertschätzung ist in einer komplexen und unmittelbaren menschlichen Konstellation wie der häuslichen (Intensiv-)Pflege allerdings so einfach wie sie kompliziert ist. Den richtigen Weg gibt es nicht. Aber alle – ob Pflegebedürftige, Angehörige, Pflegekräfte oder das sogenannte gesellschaftliche Umfeld – können einen wichtigen und positiven Beitrag zu einem wertschätzenden Miteinander und damit zu guter Pflege leisten. Wie, dazu wollen wir Anregungen geben, allerdings nicht ohne den Hinweis: Wertschätzung kann man leben, aber nicht verordnen.

Häusliche Versorgung – Schmelztiegel der Befindlichkeiten

Kommunikation und Wertschätzung sind wichtige Bausteine gut funktionierender Familien und Partnerschaften. Das gilt auch für gute Pflege. Pflegesituationen stellen bestehende menschliche Beziehungen auf eine harte Bewährungsprobe – sie können den bisher gekannten Familienalltag schlagartig verändern. Das Zusammenleben und die Alltagsbewältigung werden komplizierter. Neue, schwierige soziale Rollen wie Pflegebedürftiger und Angehöriger müssen gelernt werden. In der häuslichen (Intensiv-)Pflege kommen externe Pflegekräfte als neue ständige Begleiter im privaten Alltag hinzu. In der Folge steigt das Risiko, dass grundlegende Regeln des menschlichen Miteinanders wie ein wertschätzender Umgang zumindest zeitweise unter die Räder kommen – dabei sind sie gerade in solchen „Extremsituationen“ von immenser Bedeutung und vereinfachen vieles.

 

Ziehen wir darum einmal die Bremse und betreiben etwas Situationsanalyse. Vor welchen Herausforderungen stehen Pflegebedürftige, Angehörige und Pflegekräfte in der häuslichen (Intensiv-)Pflege und wie kann ihnen mehr Wertschätzung entgegengebracht werden?

Pflegebedürftige und ihr Recht auf Wertschätzung

Das Leben mit der eigenen Pflegebedürftigkeit ist für betroffene Menschen eine große Herausforderung – oft genug wird sie als Last empfunden. Neben der Veränderung ihrer Rolle als Partner und Familienmitglied haben pflegebedürftige Menschen damit zu kämpfen, dass sie bei der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben immer wieder an Grenzen und zugleich bei Mitmenschen auf Vorbehalte sowie Ablehnung stoßen. Dies kann bei ihnen Frustration, Aggression und Wut auslösen – die dann natürlich auch Angehörige und Pflegekräfte zu spüren bekommen.


Dass bis zum heutigen Tag tatsächlich Defizite bestehen, verdeutlichen die persönlichen Erfahrungen vieler pflegebedürftiger Menschen. Aber auch die „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“ macht klar, dass hier noch Nachholbedarf existiert. Im Artikel 6 „Kommunikation, Wertschätzung und Teilhabe an der Gesellschaft“ heißt es: „Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf Wertschätzung, Austausch mit anderen Menschen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.“

So kann ein wertschätzender Umgang mit pflegebedürftigen Menschen gelingen

Wie lässt sich dieses Recht verwirklichen? Dazu möchten wir einige Anregungen geben. Ein wertschätzender Umgang mit pflegebedürftigen Menschen kann gelingen, wenn ein paar grundlegende Regeln beachtet werden:

 

  • Begegnen Sie Pflegebedürftigen mit Achtung und Respekt.
  • Verwenden Sie eine einfache und klare Sprache mit kurzen Sätzen.
  • Nennen Sie den Gesprächspartner beim Namen.
  • Wertschätzung bedeutet, ein ehrliches Interesse an den Themen eines hilfe- und pflegebedürftigen Menschen zu haben und Einfühlungsvermögen zu zeigen.
  • Pflegebedürftige Menschen sind gleichwertig. Das sollte Ihnen jederzeit bewusst sein.
  • Nehmen Sie Ihr Gegenüber ernst.
  • Achten Sie auch auf Botschaften, die nicht über die Sprache vermittelt werden.
  • Versuchen Sie sich in die Situation des pflegebedürftigen Menschen hineinzuversetzen.

Wertschätzung pflegender Angehöriger

Wie sieht die Situation bei selbst Pflegenden aus? Nicht besser, weiss Christopher Kofahl, Leiter der AG Patientenorientierung und Selbsthilfe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: „Seelische wie körperliche Belastungen sind messbar hoch. Allein der durchschnittliche zeitliche Betreuungsaufwand liegt im Ergebnis verschiedener Untersuchungen bei etwa 40 Stunden pro Woche. Ein erheblicher Teil der Pflegekonstellationen sind Rund-um-die-Uhr-Betreuungen. Dies habe zur Folge, dass soziale Kontakte kaum noch möglich sind oder sich der Freundeskreis verkleinere. Im schlimmsten Falle auch deshalb, weil Freunde und Bekannte sich von dieser für sie unangenehmen Situation abwenden würden.“


Pflegende Angehörige haben also eine große Last zu schultern. Und nach wie vor leisten sie in Deutschland einen großen Teil der häuslichen Pflege selbst und das weitgehend unbeachtet von der Gesellschaft. Verständlicherweise ist ihr Bedürfnis nach Wertschätzung groß.


Um ihre Anliegen in der Öffentlichkeit wirkungsvoller vertreten zu können, haben sie sich organisiert. Zu diesem Zweck wurde unter anderem der Verein „wir pflegen – Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland e. V.“ gegründet. Ein wichtiges Anliegen dieser Interessenvertretung informell Pflegender ist die Forderung nach „Neuer WERT-Schätzung für pflegende Angehörige“. Vor dem Hintergrund der Diskussion um eine Pflegereform in Deutschland setzt sich die Interessenvertretung dafür ein, die Rechte pflegender Angehöriger zu stärken und dabei nicht nur die erbrachten Pflegeleistungen der Angehörigen wertzuschätzen, sondern die informell Pflegenden auch wirkungsvoll vor Armut durch Pflege zu schützen. Hier setzt auch das „Bündnis für gute Pflege“ an, das sich für gute Pflege als Menschenrecht stark macht und für pflegende Angehörige mehr Anerkennung und Entlastung sowie eine bessere Beratung und Vereinbarkeit von Pflege und Beruf fordert.

Wertvoller Beruf sucht Wertschätzung

Das Thema Wertschätzung stand beim letzten Teamleitertreffen von GIP und GIP Bayern auf der Agenda. Foto: Pedro Becerra

Ähnlich den informell Pflegenden müssen auch professionelle Pflegekräfte mit einer hohen Arbeitsbelastung bei gleichzeitigem Auseinanderdriften von gesellschaftlicher Bedeutung und gesellschaftlicher Wertschätzung ihrer Arbeit (vgl. Memorandum „Den Wert von Pflegearbeit schätzen“) klarkommen. Unabhängig davon schätzen sie ihre eigene Arbeit hoch ein. Aktuelle Studien zeigen, dass über 90 Prozent der befragten Pflegekräfte ihre Arbeit in einem hohen Maße für sinnvoll halten und fast 90 Prozent das Gefühl haben, ihre Arbeit sei wichtig.


Das Selbstwertgefühl stimmt also, die Wertschätzung hingegen nicht immer. Dabei können die Konsequenzen fehlender Wertschätzung von einer Abnahme der Motivation in der täglichen Pflegearbeit bis hin zum Wechsel des Arbeitsplatzes oder sogar des Berufs reichen. Folgen für die Pflegebranche sind Fachkräftemangel, erhöhte Krankheitszahlen, rotierendes Personal und fehlender Nachwuchs. Für Pflegebedürftige und Angehörige bedeutet das unter anderem häufig wechselnde Pflegekräfte sowie unsichere Versorgungen und Dienste.  Doch wie kann ein MEHR an Wertschätzung gelingen? Das Forschungsprojekt „PflegeWert – Optimierung und Innovation in der Altenpflege durch systematisierte Wertschätzung“ ermittelte fünf Bereiche für mehr Wertschätzung in der Pflege.

Fünf Bereiche für mehr Wertschätzung in der Pflege

  • Selbstwertschätzung – Wertschätzung der eigenen Arbeit
  • Wertschätzung vom versorgten Patienten sowie dessen Angehörigen
  • Wertschätzung vom Pflegeteam sowie der zuständigen Pflegedienst- und Teamleitung, also den Vorgesetzten
  • Wertschätzung vom Unternehmen bzw. als Bestandteil einer Organisation
  • Wertschätzung von der Gesellschaft und Umwelt sowie dem persönlichen Umfeld

Basierend auf diesen fünf Bereichen unterbreiten die Forscher eine Reihe geeigneter Maßnahmen bzw. Handlungsempfehlungen, um die Wertschätzung der Pflegearbeit wirkungsvoll zu steigern. Sämtliche Handlungsempfehlungen wurden im „KDA-Verlag“ veröffentlicht und können unter www.kda.de bestellt werden. Jeder kann seinen Beitrag zu mehr Wertschätzung leisten. Will Deutschland für die Herausforderungen von Fachkräftemangel und demografischem Wandel gerüstet sein, ist der Weg hin zu einem wertschätzenden Umgang in der häuslichen (Intensiv-)Pflege unumgänglich.

Quellen und weitere Informationen

  • Ergebnisse des Forschungsprojektes PflegeWert – Optimierung und Innovation in der Altenpflege durch systematisierte Wertschätzung: www.pflegewert.info
  • Memorandum „Den Wert von Pflegearbeit schätzen“, erarbeitet durch die Projekte der Arbeitsgruppe „Wertschätzung in der Pflege“ im Rahmen des Förderschwerpunkts „Dienstleistungsqualität durch professionelle Arbeit“, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Europäische Union, Europäischer Sozialfonds. Abrufbar unter: www.pflegewert.info
  • Pflege am Boden: http://www.pflege-am-boden.de
  • Bündnis für gute Pflege: www.buendnis-fuer-gute-pflege.de
  • wir pflegen – Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland e. V: www.wir-pflegen.net
  • Pflegestatistik 2011, herausgegeben vom Statistischen Bundesamt 2013. Abrufbar unter: www.destatis.de
  • Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen. Abrufbar unter: www.pflege-charta.de
  • Vorträge auf dem Teamleitertreffen von GIP und GIP Bayern im Mai 2014

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