Gastbeitrag: Pandemie-„Management“ durch Mehrarbeit von Pflegekräften?

Es ist ein Schlag ins Gesicht, der Pflegekräften richtig weh tut:

Eine 60-Stunden-Woche in der Pflege soll vor Überlastung des Gesundheitssystems schützen. Absolut inakzeptabel!

 

Während die zweite Corona-Welle über Deutschland fegt, ist die Gesellschaft tief gespalten. Einerseits demonstrieren Lockdown-Kritiker auf den Straßen gegen die sogenannten Hygiene-Regeln, weil sie sich in ihren bürgerlichen Rechten und Freiheiten eingeschränkt fühlen. Andererseits wachsen die Sorgen derjenigen, die sich den Maßnahmen fügen. Gebannt schauen täglich aber alle auf die Zahl der Infizierten. Politik und Medien warnen immer lauter vor einer Überlastung der Intensivstationen und befürchten, dass die Intensivbetten nicht ausreichen könnten. Dabei gerät in Vergessenheit, dass nicht durch die Zahl fehlender Intensivbetten dem Gesundheitssystem ein Kollaps drohen könnte: Denn kein einziges Bett hilft, wenn nicht an ihm ein pflegender Mensch steht!

Allgemeinverfügung des niedersächsischen Sozialministeriums in der Kritik

Die neue Allgemeinverfügung des niedersächsischen Sozialministeriums soll nun „helfen“: Die Höchstarbeitszeit in Kliniken und Pflegeheimen wurde auf 60 Stunden wöchentlich heraufgesetzt. Und das nicht nur für einen überschaubaren kurzen Zeitraum, sondern über mehrere Monate vom 1. November bis voraussichtlich zum 31. Mai 2021. Pflegekammerpräsidentin Nadya Klarmann spricht Tacheles: „Monatelang hat das Land verschlafen, die medizinischen Einrichtungen auf die zweite Welle der Corona-Pandemie vorzubereiten: Jetzt sollen wieder die Beschäftigten in den systemrelevanten Berufen unter Einsatz ihrer eigenen Gesundheit die Situation retten.“ Pflegevertreter seien im Vorfeld nicht in die Entscheidung einbezogen worden, bemängelte sie zudem.

 

Mehrbelastung der Pflege spielt in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle

In der öffentlichen Wahrnehmung spielt diese geplante Mehrbelastung zur Vermeidung einer nicht mehr vermeidbaren Überlastung der Pflege keine Rolle. Unser mittlerweile Corona-genesener Bundesgesundheitsminister Jens Spahn postet auf seinem Facebook-Profil ermunternde Worte an die breite Bevölkerung und berichtet von seiner Corona-Erkrankung. Es fehlen jedoch (wieder einmal) klare und wertschätzende an Pflegerinnen und Pfleger gerichtete Worte. Dem Gesundheitsminister kann nicht entgangen sein, dass die gesamte Pflege-Branche mehr als andere Bevölkerungs- und Berufsgruppen in der Corona-Pandemie längst an ihre körperlichen, seelischen und gesundheitlichen Grenzen gestoßen ist. Berichte häufen sich, dass viele Pflegekräfte im stationären Bereich bereits heute mit einer positiven Covid 19-Diagnose arbeiten, um das System aufrecht zu erhalten.

Würde der Bundesgesundheitsminister einen Blick über den Tellerrand seiner eigenen sozialen Netzwerke werfen, wüsste er, dass die Versäumnisse der Politik auf den Rücken der Menschen ausgetragen werden, die das System aufrecht halten. Nach wie vor müssen diese tagtäglich um die erforderliche Schutzausrüstung kämpfen, während unser Bundesgesundheitsminister Masken verschenkt.

 

Eine maßgebliche 60 Stunden Woche in der außerklinischen Intensivpflege wird es nicht geben

Der Umstand, dass die Situation für Pflegekräfte in der außerklinischen Intensivpflege besser aussieht, macht gravierende Versäumnisse in der Pflege insgesamt nicht besser, geschweige denn gut. Ein Lichtblick: Bei der GIP Intensivpflege etwa wird es in Niedersachsen, aber auch bundesweit, keine maßgebliche 60 Stunden Woche für Pflegerinnen und Pfleger geben. Damit handelt ein Arbeitgeber verantwortungsvoll und lehnt es strikt ab, dem Fachkräftemangel auf solch unangemessene Weise zu begegnen. Mehrarbeit ist in konkreten Lagen zeitweilig nie ganz zu vermeiden, darf aber kein Dauerzustand sein. 60-Stunden-Wochen dürfen nicht die „neue Normalität“ sein.


Alle Erfahrung zeigt, dass eine entspannte Arbeitssituation, wie sie in der ambulanten Intensivpflege gegeben ist, eine wichtige Grundlage für eine gute und qualifizierte Pflege ist. Eine Überlastung und zu wenig Erholung begünstigen hingegen Pflegefehler und Komplettausfälle von Pflegekräften aufgrund stressbedingter Erkrankungen. Damit jedoch ist niemandem geholfen. Nicht vor der Pandemie, nicht mittendrin und auch nicht danach.

Andreas Kühn, Journalist und Blogger

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