LSBTIQ-sensible Pflege und Intensivpflege

LSBTIQ* & Pflege: So kann kultursensible und queere Pflege gelingen

Für mehr Offenheit & Toleranz im Umgang mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans*, inter* und queeren Menschen

Initiative Regenbogenpflege, Regenbogenkompetenz für Pflegende: Bei der Pflege von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans*, inter* und queeren Menschen (LSBTIQ*) hat sich in den letzten Jahren einiges bewegt. So wurde 2018 in Berlin beispielsweise das erste Pflegeheim in Deutschland mit dem Zertifikat „Lebensort Vielfalt“ für LSBTI-sensible Pflege ausgezeichnet. Wir erläutern anlässlich des Pride Month, wie LSBTIQ*-sensible Pflege und Intensivpflege gelingen kann.

Kultursensible und queere Pflege

Parallel zur steigenden gesellschaftlichen Akzeptanz entwickelt sich langsam eine kultursensible Pflege für queere Pflegebedürftige. Bislang machen allerdings laut MDK gerade einmal drei Prozent der stationären Pflegeeinrichtungen in Deutschland spezifische Angebote für LSBTIQ*. Dabei dürfte die Nachfrage steigen, denn das niedersächsische Sozialministerium schätzt, dass heute rund 1,8 Millionen queere Menschen mit einem Alter von über 60 Jahren in Deutschland leben und in den kommenden Jahren zumindest teilweise auch pflegebedürftig werden.

 

Kultursensibel zu pflegen bedeutet dabei, jeden Pflegebedürftigen mit seiner ganz individuellen Biografie anzuerkennen und auf dessen Bedürfnisse einzugehen. Unabhängig von dessen sexueller oder geschlechtlicher Identität, aber auch vom kulturellen, religiösen oder migrationsbedingten Hintergrund.

 

Kultursensibel zu pflegen bedeutet allerdings nicht, „anders“ zu pflegen. Darauf weist Dennis Nano hin, Autor von „Kultursensible Pflege für Lesben und Schwule im Krankenhaus“. Er betont, dass „...Lesben und Schwule keine 'andere' Pflege benötigen, als heterosexuelle Menschen. Die Individualität ist wichtig, und diese ergibt sich...aus der Lebensgeschichte einer jeden Person.“

 

Die außerklinische Intensivpflege als sehr individuelle Form der Pflege und Alltagsbegleitung bietet beste Voraussetzungen für gelingende kultursensible und queere Pflege. Die Zukunft dieser Pflegeform ist allerdings derzeit ungewiss. Viele LSBTIQ* mit Behinderung beteiligten sich daher u.a. an den Protesten gegen IPReG und forderten weiterhin Wahlfreiheit für Menschen mit hohem Assistenz- und Pflegebedarf. Andreas Schnier von www.queerhandicap.de weiß auch warum: „Für manche mit hoher Pflegebedürftigkeit bieten erst die eigenen vier Wände den notwendigen Schutzraum für das Entdecken, Zulassen, Entwickeln und Ausleben eines eigenen Lebensentwurfs, der mehr oder weniger abweicht von dem, was im Elternhaus oder vom übrigen sozialen Umfeld vorgelebt wird.“  Die Wahlfreiheit für die häusliche Pflege und individuelle Alltagsbegleitung könnte durch IPReG zukünftig nach wie vor empfindlich eingeschränkt werden.

 

Warum ist kultursensible und queere Pflege so wichtig?

Queere Pflegebedürftige verfügen über spezielle Lebenserfahrungen, die sich von denen heterosexueller unterscheiden. Lange Zeit wurden sie diskriminiert und treffen auch heute noch auf Stigmatisierung und Ablehnung in ihrem Alltag.
Homosexualität, z. B. wurde lange als eine psychische Störung angesehen, die behandelt und therapiert werden sollte. Bis 1969 waren sexuelle Kontakte unter Männern sogar strafbar. Erst 1992 nahm die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität als Krankheit von ihrer Diagnoseliste. Die negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit wirken bei vielen Homosexuellen allerdings nach und bewirken bis heute eine Ablehnung des Gesundheitswesens.

 

Aufgrund ihrer negativen Lebenserfahrungen und aus Angst vor Vorurteilen und Diskriminierung verschweigen nicht wenige queere Pflegebedürftige in der Pflege ihre sexuelle Identität. Sie führen dann quasi ein Doppelleben, in dem sie einen Teil ihrer Identität nicht offenlegen. Genauso gibt es allerdings auch Pflegebedürftige, die bereits vor ihrer Pflegebedürftigkeit offen mit ihrer Homosexualität umgegangen sind und dementsprechend auch in der Pflege einen offenen und positiven Umgang mit ihrer sexuellen Identität und ihren Bedürfnissen wünschen. Eine andere Gruppe schwuler Pflegebedürftiger bejaht zwar ihre sexuellen Bedürfnisse und wäre rein körperlich auch noch dazu in der Lage, diese zu befriedigen, gesteht sie sich aber aufgrund eines selbstzugeordneten Attraktivitätsverlustes durch die Pflegebedürftigkeit nicht mehr zu. Sie ziehen sich sowohl sozial als auch sexuell zurück.

 

Nicht selten treffen sie dabei auf Pflegeeinrichtungen oder Pflegekräfte, die sich gar nicht aktiv damit auseinandersetzen, dass es auch Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transidente und Intersexuelle unter den von ihnen versorgten Pflegebedürftigen gibt. Lesben, Schwule und Bisexuelle werden dann häufig nicht erkannt, wenn sie sich nicht selbst outen. Oft schauen Pflegekräfte bei der sexuellen Identität auch einfach weg, reden dann aber im Pflegeteam darüber, weiß Klaus Müller von der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren zu berichten: „Wenn auf dem Nachttisch etwa ein Bild steht mit zwei Frauen oder zwei Männern, dann wird nicht über den Lebenspartner oder die -partnerin gesprochen. Man verfällt in unverfängliche Gesprächsmuster, redet aber im Team trotzdem darüber: Hast Du die gesehen? Die ist echt männlich.“


Transidente lösen in der Pflege am ehesten Irritationen aus. Herrscht darüber hinaus auch bei den Mitbewohnern in einer Pflegeeinrichtung eine heteronormative Moralvorstellung vor, verzichten qeere Pflegebedürftige lieber auf einen offenen Umgang mit ihrer sexuellen Identität und halten diese geheim.

 

Genau hier setzt kultursensible Pflege an, indem Pflegekräfte sensibel auf die Bedürfnisse und Erfahrungen queerer Menschen eingehen. Ziel ist es, den Pflegebedürftigen einen Alltag ohne Diskriminierung, Ausgrenzung, Ablehnung und Angst zu schaffen. Denn auch queere Pflegebedürftige wünschen sich ein selbstbestimmtes Leben in Geborgenheit und Wertschätzung unabhängig von ihrer sexuellen Identität. Gleichzeitig ist ein sensibler Umgang mit der sexuellen Identität wichtig für die individuelle Gesundheit und Versorgung der Pflegebedürftigen.

 

Wie kann kultursensible und queere Pflege gelingen?

  • Pflegekräfte sollten über Allgemeinwissen, z. B. zur Geschichte und schwierigen Sozialisation von homosexuellen Menschen in Deutschland verfügen. In den älteren Pflegeausbildungen gehörte die Thematik allerdings nicht regelhaft zu den Lerninhalten, so dass sich Pflegekräfte dieses Wissen zumeist selbst aneignen mussten. In der neuen Pflegeausbildung ist das anders.
  • Gleichzeitig sollten Pflegekräfte typische Symbole der LSBTIQ*-Community wie die Regenbogenfahne oder auch die Rote AIDS-Schleife kennen.
  • Im Rahmen einer Willkommenskultur können Pflegeeinrichtungen durchaus auch eine Regenbogenfahne präsentieren, um ein Zeichen für Diversität zu setzen.
  • Der Umgang von Pflegekräften mit queeren Pflegebedürftigen sollte durch aktive Toleranz, Respekt und Verständnis geprägt sein, so dass auch queere Menschen in der Pflegesituation ihr gewohntes Leben und ihre Sexualität weiter ausleben können. Dabei ist Sexualität gerade auch für ältere Homosexuelle nach wie vor ein intimes und auch verletzlich machendes Tabuthema, bei dem sie Schwierigkeiten haben, dies offen anzusprechen.
  • Pflegekräfte sollten die sexuelle Identität von Pflegebedürftigen im Zweifelsfalle auch gegen das Unverständnis, Misstrauen oder gar die Verachtung von Seiten anderer Mitbewohner verteidigen.
  • Pflegende sollten versuchen, sich in queere Pflegebedürftige hineinzuversetzen, um das Denken, Fühlen und Handeln zu verstehen. Ihr pflegerisches Handeln sollte durch Empathie und Reflexion geprägt sein. Hierbei kann auch Sprache eine wichtige Rolle spielen, wobei Pflegende Begriffe aufgreifen sollten, die auch die Pflegebedürftigen nutzen. Auch der gendersensiblen Sprache, die die weibliche Form gleichberechtigt nutzt oder bewusst neutrale Formulierungen verwendet, kommt in diesem Kontext eine wichtige Bedeutung zu.
  • Hilfreich ist es, durch Biografiearbeit die persönliche Biografie und die individuelle Lebensgeschichte von queeren Pflegebedürftigen näher kennenzulernen, um so Einblicke in ihre Lebensrealität sowie ihre Bedürfnisse zu bekommen. Auch Bücher, Fotos oder Symbole können Anhaltspunkte zur Lebensrealität der Pflegebedürftigen geben.
  • Genderflexible Verhaltensweisen, wie das Zeigen von Gefühlen oder körperbetontes Verhalten, können bei männlichen Pflegebedürftigen z. B. auf eine schwule Identität hinweisen.
  • Im Umgang mit Transidenten bzw. Transsexuellen, also mit Menschen, die körperlich zwar dem männlichen oder weiblichen Geschlecht angehören, sich aber dem jeweils anderen Geschlecht angehörig fühlen, ist es u. a. wichtig, in der Ansprache auf das richtige Pronomen (sie oder er, ihr oder sein) zu achten. Gerade auch bei der Intimpflege sollten sie in ihrem Geschlecht akzeptiert werden. Intersexuelle haben z. B. männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale.
  • Berührungen bei Pflegemaßnahmen können bei LSBTIQ* negative Vergangenheitserfahrungen antriggern und so Stress auslösen. Entsprechend sensibel und überlegt sollten Berührungen im Rahmen der Pflege eingesetzt werden.
  • LSBTIQ* leben häufig in Gemeinschaftsstrukturen, die von der klassischen Familie abweichen. Dementsprechend sollten ihre Lebenspartner von den Pflegenden auch nicht fälschlicherweise als Nachbarn oder Freunde eingeordnet werden. In der Kommunikation mit dem Lebenspartner oder der Lebenspartnerin können Pflegekräfte wichtige Hinweise über den queeren Pflegebedürftigen sowie seine Bedürfnisse und Gewohnheiten erhalten.
  • Gerade auch in Krisensituationen wie Sterben oder Tod ist es wichtig, die Lebenssituation Pflegebedürftiger sowie den/die Lebenspartner*in genau zu kennen. Nur so können Schmerz und Trauer angemessen verarbeitet werden sowie Abschied und Tod würdevoll gelingen.
  • HIV ist für schwule Männer nach wie vor ein Thema und kann in der Pflege bedeutsam werden, wenn z. B. HIV-Medikamente eingenommen werden müssen.

 

Die positive Wirkung queerer Pflegekräfte

Queere Pflegekräfte können einem Pflegeteam im Bereich kultursensible Pflege wichtige Impulse geben. Denn wenn queere Fachkräfte in ihrem Pflegeberuf offen mit ihrer sexuellen Identität umgehen, ermuntert dies auch queere Pflegebedürftige, dies zu tun.

 

Queere Pflege in der Klinik

Besondere Herausforderungen für die Pflege von homosexuellen Menschen sieht Dennis Nano in Krankenhäusern. Denn dort kommen verschiedenste Kulturen, Religionen und Menschen zusammen, „... bei denen Homosexualität häufig noch nicht zur Norm gehört bzw. sie einen offenen Umgang mit verschiedenen sexuellen Identitäten nicht kennen.“ Umso wichtiger sei es daher, eine Sensibilität für homosexuelle Menschen und deren Sozialisation zu haben.

 

Pflegeausbildung und queere Pflege

Mittlerweile gehört das Thema „sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“ auch zur Rahmenrichtlinie des neuen Pflegeberufegesetzes und hat so Eingang in die Pflegeausbildung gefunden. Der Pflegenachwuchs lernt so bereits in der Ausbildung wichtige Themen kennen, die das Leben von queeren Menschen bis heute prägen, wie Stigmatisierung, Diskriminierung, aber auch die Bedeutung von sozialen Netzwerken oder Wahlfamilien oder das Leben mit HIV.

 

Wichtige Ansprechpartner und Interessenverbände:

Die queere Gesundheit fördern will der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) e. V., indem er z. B. am Abbau von Vorurteilen mitwirkt.

https://www.lsvd.de/de/politik/aufklaerung/queere-gesundheit-foerdern

 

Die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren e. V. (BISS) setzt sich für mehr kultursensible Angebote für Homosexuelle in der Altenpflege ein.

https://schwuleundalter.de/pflege/

 

Für mehr kultursensible Pflege in Deutschland setzt sich seit über 10 Jahren auch die Initiative Regenbogenpflege ein. Sie unterstützt ältere Homosexuelle bei der Suche nach einem Pflegeplatz, indem sie z. B. Aufklärungsarbeit in Pflegeeinrichtungen leistet.

http://www.initiative-regenbogenpflege.de/

 

Die Interessen und Anliegen von transsexuellen Menschen und deren Angehörigen in Deutschland unterstützt der Trans-Ident e. V..

https://www.trans-ident.de/

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